Poppy – oder: An ARG going completely wrong

2016 hatte ich hier über Poppy berichtet – einer „weirden“ Mischung aus Popsongs, Verschwörungstheorien, Alternate Reality Game (ARG) und Aktionskunst.

Zu diesem Zeitpunkt war sie noch in aller Munde, da jegliche Recherche nach der „Wahrheit“ im Sande verlief. Alle Beteiligten hatten ihre Vergangenheit wunderbar ausgelöscht. So wusste niemand, wer die Künstler eigentlich waren. Alle spekulierten darüber, ob in Poppys Videos in Wahrheit echt Anspielungen auf eine Entführung und die Illuminaten sein könnten. Und ihr Partner Titanic Sinclair wurde von vielen als der denkbare Strippenzieher gesehen – insbesondere als herauskam, dass die Künstlerin Mars Argo kurz vor Poppy verschwunden war, die in allen Belangen Poppy ähnelte und -Trommelwirbel- auch mit Titanic Sinclair liiert war. Plötzlich war vielen nicht mehr so wirklich klar, was nun Realität und was nur reine Fiktion des ARGs war. Es ging um potentielle (wahre) Entführung, Missbrauch, Mord, geheime Hilfe-Botschaften, Schnitzeljagden durch das Internet, Privatrecherchen, anrufbare Telefonnummern, gelöschte Künstler-Identitäten, tonnenweise merkwürdiges (gelöschtes) Material in der Internet-Archive-Wayback-Machine und vieles mehr. Damals dachten wir eigentlich alle, das gehöre alles natürlich zum ARG – das mysteriöse „Verschwinden von Mars Argo“ inklusive.

Hier nochmal das gut zusammengefasste Video von 2016, das mich erstmals auf Poppy aufmerksam machte, für alle, die die Anfänge nicht mitbekommen haben:

Mittlerweile ist aus dem ARG ein riesiger Sauhaufen aus Gerichtsverhandlungen, Anschuldigungen und persönlichen Dramen geworden. Und das schlimmste: Niemand weiß mehr genau, was nun zum Spiel gehört und was wahr ist. Hin und wieder musste ich schon an David Cronenbergs eXistenZ oder David Finchers The Game denken – Filme, die das Thema schon in den 90ern behandelt hatten. Genau in dieser Zwickmühle stecken jetzt alle Beteiligten des Vorhabens Poppy: Mars Argo, Titanic und Poppy selbst. Niemand traut mehr irgendwem – nicht mal die Teilnehmer innerhalb des ursprünglichen ARGs. Fast wirkt es so, als seien die Erfinder -vor allem das angebliche Mastermind Titanic Sinclair- selbst der Paranoia ihres Spiels erlegen und könnten ihre eigene Schöpfung nicht mehr von der Realität unterscheiden.

Alle streiten. Alle Beteiligten manipulieren im großen Stil: Sich selbst, ihre Partner und natürlich ihre Fanbase. Von der jeder natürlich weiterhin sein Idol unterstützt, weil jeder Fan ja ganz flexibel selbst entscheiden kann, was er glauben will und was seiner Meinung nach nur Teil eines fiktiven, lang geplanten Plots ist. Poppy ist dabei eigentlich die erstaunlichste Person, da sie sich im Vorhaben schon mehrfach um 180° gedreht hat. Es ist einfach ein Paradebeispiel, was mit guten Geschichten alles erreicht werden kann, ein Super-GAU im ARG-Design und das, wovor alle in diesem Umfeld Angst haben. Darüber wird ganz sicher noch geforscht und ganz sicher noch berichtet werden.

Wir brauchen keine Matrix-artige virtuelle Welt, um komplett in Simulationen zu leben. Unsere eigene Vorstellungskraft ist völlig ausreichend, uns in Gedanken-Luftschlösser einzusperren, die wir selbst gebaut haben. Irgendwie finde ich das ja fast sinnbildlich für unsere, stark polarisierte Gesellschaft der Bubble-Wirklichkeiten.

Dann natürlich wieder: Könnte es vielleicht doch nicht nur ein riesiges ARG sein, welches diesen Super-GAU selbst zum Thema hat und alles ist am Ende doch nur großflächig gefaked, um Aufmerksamkeit zu erzeugen? Wer weiß das schon sicher. Die Gerichtsverhandlungen wegen Identitätsdiebstahl scheint es jedenfalls gegeben zu haben, so dass doch einiges dafür spricht, dass hier alles aus dem Ruder lief, was aus dem Ruder laufen kann.

Es gibt nicht allzu viele gute Zusammenfassungen dieser sehr dubiosen „Endphase“ von Poppy, Mars Argo und Titanic, in der wir uns seit letztem Jahr befinden – allein schon deswegen nicht, weil viel zu viele unterschiedliche Perspektiven existieren. Wer genau wissen will, was in den letzten Monaten vorgefallen ist, aber sich nicht durch die vollen drei Jahre ARG arbeiten will, dem empfehle ich die Playlist „The Poppy Saga“ vom Youtube-Kanal Edwins Generation – da gibt es sogar erste Interviews mit Familienmitglieder, die auch recht erhellend sind. Der Kanal ist ein Fan von Mars Argo und betrachtet das ganze primär aus einem Nicht-ARG-Blickwinkel (was letztlich nur eine Seite der Geschichte ist, aber vermutlich der ‚Wahrheit‘ am nächsten):

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