Euromythen

Ich habe in letzter Zeit mit ein paar Brexiteers über ihre Entscheidung geredet und war echt (erneut) erschrocken, wie desinformiert doch viele von ihnen sind. Am meisten ärgert mich die Misinformation über die EU selbst. Die ist auch in Deutschland vorhanden, aber in UK ist es scheinbar nochmal deutlich dramatischer – da betrifft es scheinbar wirklich jeden zweiten Bürger.

Die klassischen Euromythen kennt man. Heute musste ich dann vielen Leuten noch erklären, was die Unterschiede zwischen EU Kommissaren und EU Präsident ist, dass sich Kommissare natürlich einem Hearing stellen müssen, dass sich die Präsidentsschaftskandidaten der einzelnen EU-Parteien mittlerweile auch in einem TV-Duell stellen (oder dass es überhaupt Präsidentschaftskandidaten gibt, manche glauben scheinbar nicht mal das), dass es nicht undemokratisch ist, für ein Referendum eine 2/3-Mehrheit für mehr Stabilität in der Entscheidung zu verlangen, dass sie natürlich über ihren Pfund entscheiden dürfen (WTF! Die haben sogar den Non-Fix-Exchange-Rate bekommen!), dass sie ihre Grenzen tatsächlich selbst kontrollieren dürfen (Hallooooo? Schon mal von der Schengen-Ausnahme für Großbritannien gehört?), dass direkte und repräsentative Demokratie nach westlichem Verständnis beides Formen von Demokratie sind (und nicht etwa eine Diktatur) und vieles mehr. Letztens hat mir einer geschrieben: Aber Theresa May kennt man wenigstens! Juncker kennt man nicht. Der kommt schließlich aus so einem komischen Land! … Autsch. So ist das halt, wenn man sich nicht für die EU-Wahl interessiert und sich dann wundert, dass da halt Leute für eine Position kandidieren und am Ende die Partei mit den meisten Sitzen so ganz unerwartet einen Spitzenkandidaten stellt.

Unter besagtem TV-Duell bestärken sich in den Youtube-Kommentaren dann bereits 2014 scheinbar praktisch nur noch Briten gegenseitig, dass das ja nicht demokratisch sei, weil der Präsident nicht direkt gewählt werde. Dass ihre Prime Ministerin auch nicht direkt gewählt sondern von der Partei als Spitzenkandidaten aufgestellt wird (genau wie bei den EU-Parteien) und dann noch nicht mal vom Parlament in einer zusätzlichen Wahl bestätigt wird sondern rein formal sogar nur von der Queen, fällt denen scheinbar gar nicht erst auf. Was mich so stutzig macht ist, dass wirklich alle deren Argumente falsch sind, nicht nur ein paar.

Dabei gäbe es so viel an der EU zu kritisieren. Ich tu das auch. Ich muss mich auch immer wieder einlesen, weil die Wahlprozesse komplex und der komplette Körper enorm aufgeblasen ist. Der Laden hat viele Probleme (aber sich in letzter Zeit auch echt verbessert). Himmel, ich stimme sogar hin und wieder mit nem Punkt bei Nigel Farage überein. Aber dann muss man halt auch wissen, über was man spricht. Und das sind nicht mal „dumme“ Menschen, die mir antworten. Das sind Intellektuelle, manche davon mit Politikhintergund, und trotzdem muss ich sie bei jeder Vermutung über die politische Vorgehensweise der EU, die sie machen, korrigieren. Das gibt’s doch nicht! Das ist leider wirklich, wirklich erschreckend und zeigt, wie wichtig es ist, die Leute über die EU, ihr Wahlsystem, ihre Kandidaten und den Einfluss den man als Bürger darauf hat (und den scheinbar kein Brexiteer wahrgenommen hat, sonst wüssten die ja zumindest ein wenig Bescheid) zu unterrichten. Da fehlt’s himmelweit.

Nochmal: Man muss damit nicht übereinstimmen, man muss auch kein Fan der EU sein, oder des Schengen-Raums, des gemeinsamen Marktes oder der EU-Verbraucherrechte – aber pure Fantasie und Vermutungen ist einfach keine Ausrede für politische Entscheidungen. Au Backe, GB, das wird noch alles sehr weh tun… :-/

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