{"id":8872,"date":"2011-01-01T06:30:34","date_gmt":"2011-01-01T05:30:34","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.coaster.de\/wp\/?p=8872"},"modified":"2011-01-01T06:30:34","modified_gmt":"2011-01-01T05:30:34","slug":"2011-ein-prolog","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/privates\/2011-ein-prolog\/","title":{"rendered":"2011 &#8211; Ein Prolog"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/blog.coaster.de\/wp\/wp-content\/uploads\/dawn.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-8875\" title=\"dawn\" src=\"http:\/\/blog.coaster.de\/wp\/wp-content\/uploads\/dawn.jpg\" alt=\"\" width=\"106\" height=\"367\" \/><\/a>Nach drei etwas tr\u00fcberen Jahren war 2010 f\u00fcr mich eigentlich ein rundum erfolgreiches Jahr. Tats\u00e4chlich hat so ziemlich alles hingehauen, was ich f\u00fcr realistisch hielt und ich l\u00fcge nicht, wenn ich sage, dass ich mich momentan ziemlich wohl f\u00fchle. In der Hinsicht kann es 2011 gerne noch ein St\u00fcckchen so weitergehen wie bisher &#8211; auch wenn ich ganz leichte Indikatoren sehe, dass sich an bestimmten Sachen mittelfristig etwas \u00e4ndern k\u00f6nnte, aber man soll ja auch nicht den Teufel vorweg an die Wand malen.<\/p>\n<p>Das n\u00e4chste Jahr widme ich noch st\u00e4rker der Suche nach dem wahren Mensch. Oder das Wahre im Menschen. Das ist eine heikle Angelegenheit, weil ich gleichzeitig feststelle, wie sich mein Toleranzhorizont immer weiter verengt und meine pers\u00f6nliche Trennlinie zwischen Menschen, die ich mag und die mich interessieren und denjenigen, mit denen ich nicht auf einer Wellenl\u00e4nge schwebe, immer weiter ausseinander triftet, ja sich gerade zu eigenbr\u00f6tlerisch polarisiert. Ich werde meinem eigenen Grundsatz, dass jeder Mensch so leben darf, wie er es m\u00f6chte, so lange er dabei niemanden schadet, nicht direkt untreu. Aber ich packe es immer weniger, mich mit Leuten zu sozialisieren, die sich f\u00fcr meine Begriffe und f\u00fcr mein Wahrheitsempfinden das Gelbe ins Knie l\u00fcgen.<\/p>\n<p>Konnte ich mich fr\u00fcher noch mitfreuen, wenn Mitmenschen, und wenn es nur f\u00fcr den kurzen Augenblick ist, selbst gl\u00fccklich waren, schaffe ich es jetzt eigentlich nur noch, den Mund zu halten und sie ihr Leben leben zu lassen. Eine ziemlich asoziale Einstellung eigentlich, welche die Welt zudem mit Sicherheit nicht nach vorne bringt, aber man wird halt auch nicht j\u00fcnger und die Kr\u00e4fte des Selbstbetrugs sind auch nicht in unbegrenztem Ma\u00dfe vorhanden. Dabei geht es mir gar nicht darum, dass einige Menschen die blaue Pille geschluckt haben. Sich f\u00fcr den Schein zu entscheiden halte ich weiterhin f\u00fcr absolut legitim. Es gibt ja auch Menschen, die mit einer beneidenswerten Naivit\u00e4t durch das Leben t\u00e4nzeln und von der Pille gar nichts wissen wollen. Mir ist aufgefallen, dass ich diese Naivit\u00e4t sogar suche. Vermutlich beneide ich sie sogar ein wenig&#8230; *Streiche vermutlich*. Ob das nun ein reiner Nostalgietick oder meine Form der Wahrheitskompensation ist, hab ich noch nicht so wirklich rausgefunden. Auch bin ich mir noch nicht schl\u00fcssig, wie gef\u00e4hrlich das ganze f\u00fcr mich ist. Vielleicht ein weiterer Agendapunkt f\u00fcr 2011.<\/p>\n<p>Nein, mich st\u00f6ren die Menschen, die bereits an dieser Kreuzung standen und sich dann f\u00fcr die blaue Pille entschieden haben. Die aus Schw\u00e4che oder Angst den Weg des Scheins w\u00e4hlen und alle ihre restliche Energie in die, scheinbar h\u00e4ufig krampfhafte Aufrechterhaltung dieser Maskerade legen, sich tagt\u00e4glich selbst alles M\u00f6gliche vorl\u00fcgen m\u00fcssen, um einen Rest Selbstwertgef\u00fchl zu bewahren und jede Form der kritischen Selbstreflexion abschalten, um nicht v\u00f6llig unter der Last des Lebens zusammen zu brechen. Von den Anstrengungen, das Ganze nach Aussen hin zu verschleiern, will ich jetzt gar nicht reden. Genau diese Schw\u00e4che verabscheue ich mehr und mehr &#8211; und das ist zugegebenerma\u00dfen ziemlich asozial von mir.<\/p>\n<p>Asozial im wahrsten Sinne des Wortes, denn ich merke, wie nicht nur meine Toleranz gegen\u00fcber solchen Mitmenschen schwindet, auch die sozialad\u00e4quaten Mittel, die diesen Personen ein Forum er\u00f6ffnen, sto\u00dfen mir zunehmend sauer auf. So war ich ja zum Beispiel noch nie ein Freund von Smalltalk. Aber auch wenn ich mit diesen &#8222;Funktionen&#8220; zumindest ein wenig umgehen kann, merke ich, wie ich mir zunehmend die Frage stelle, ob ich diesen selbstverlogen Schei\u00df eigentlich wirklich auf Dauer mitmachen will. Wenn ich mit Menschen rede will ich sie kennen lernen und es interessiert mich einen feuchten Furz, ob ich ihm nun rhetorisch begenen kann oder seine strategische Rabulistik durchschaue. Mir ist auch bewusst, dass mein Gegen\u00fcber ein Recht auf Charakterintegrit\u00e4t hat, aber ich l\u00fcge mir was vor, wenn ich weiterhin behaupte, dass mich diese Menschen dann interessieren. Sie tun es schlicht nicht.<\/p>\n<p>K\u00f6nnen wir dann nicht einfach auf der pragmatischen Ebene bleiben und \u00fcber Fakten sprechen? Hat das andere wirklich etwas mit Anstand zu tun? Wenn ich mit Ausl\u00e4ndern oder Touristen rede, die Deutschland und insbesondere M\u00fcnchen nicht m\u00f6gen, h\u00f6re ich grunds\u00e4tzlich, wie schlecht gelaunt und unfreundlich die Leute sind. Tats\u00e4chlich wird wohl fast \u00fcberall sonst in der westlichen Welt deutlich mehr gesmalltalkt. Als ich in Irland unterwegs war, fielen mir die &#8222;Hello, love.&#8220; &#8222;How are you, dear?&#8220; gerade zu nur um die Ohren. Die guten Vibes sollen flie\u00dfen. Verst\u00e4ndliches Argument. Aber mir ist aufgefallen, dass ich damit nicht viel anfangen kann. Ich definiere es f\u00fcr mich nicht als Freundlichkeit sondern als verlogenes Popostreicheln. Ich bin narzistischer Pragmat. Und zugegeben: M\u00fcnchen ist als Stadt hier mit Sicherheit die Speerspitze der &#8222;un-kindness&#8220;. Ich hatte ja schon mal erkl\u00e4rt, dass der Bayer das als seinen Ausdruck der Redefreiheit definiert. &#8222;Ich mach dir nichts vor. Du machst mir nichts vor.&#8220; Vielleicht ist es genau das, was mich noch in diesem Land h\u00e4lt und in diese Stadt gezogen hat.<\/p>\n<p>Mehr noch: Es gab f\u00fcr mich keinen besseren und inspirierendern Abschluss f\u00fcr 2010 als die <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/v\/ALNovMk3fC8\">Keynote von Rop Gonggrijp [klick!]<\/a> auf dem Chaos Communication Congress. Ja, es ist ein Hacker-Kongress. Aber in Rops Rede geht es letztendlich genau um das alles. Der politische Mantel ist letztendlich nur Teilst\u00fcck einer viel gr\u00f6\u00dferen, gesellschaftlichen Problematik die mich weiterhin bewegt. Dass es Rop in der Rede sogar gewagt hat, dazu vor Computernerds Stellung zu beziehen, verpasst mir seit drei Tagen G\u00e4nsehaut, weil ich mich mit meinem Gef\u00fchl, was in der Welt und in mir selbst passiert und wie das zusammenh\u00e4ngt, pl\u00f6tzlich nicht mehr ganz so einsam f\u00fchle. Und wenn es einen Beweis daf\u00fcr gibt, dass es sich doch lohnen kann, der Wahrheit ins Gesicht zu schauen, dann ist es auf politischer Ebene vielleicht genau diese pragmatische deutsche Bev\u00f6lkerung. Die hat in den \u00dcberwachungsstaatsfragen zwar keinen herausragenden, aber doch einen sehr, sehr guten Job gemacht. Zumindest verglichen mit den meisten anderen westlichen Gro\u00dfm\u00e4chten, die in ihrem Blauen-Pille-Halligalli zunehmend ins Orwellsche Matrixland umgekippt sind. Ernsthaft: Die Jugend hier ist nicht so schei\u00dfe, wie manche behaupten. Um es mit der oben verlinkten Rede zu sagen: Ja, auch ich hatte meine Phase der Depression und ihr wollt nicht wissen, wie lang die gedauert hat. Und ja, auch ich hab mich gefragt, ob es der ganze Stress, zwischen den verschiedenen Realit\u00e4ten zu reisen, wirklich wert ist. Aber verdammt: Wir bewegen was und 2010 noch mehr als je zuvor.<\/p>\n<p>Mir ist manchmal vorgeworfen worden, Mitmenschen schamlos auszuziehen oder zumindest einen Tick daf\u00fcr zu haben, mal kr\u00e4ftig nachzubohren, wenn sich die Gelegenheit bietet. Die einen haben mir das als unmenschlichen Zug gegen die Unversertheit der eigenen Privatsph\u00e4re ausgelegt. Ich hab das immer als mein Interesse am Menschen definiert. Und ja, ich habe versucht, es in den letzten Jahren viel vorsichtiger angehen zu lassen. Vielleicht f\u00e4llt mir das Ganze auch deswegen ein wenig leichter, weil ich bewusst eher extrovertiert lebe und es ziemlich wenig Sachen gibt, f\u00fcr die ich mich sch\u00e4me (hey, ich meine, lest diesen Schei\u00dfblog, wenn ihr mir nicht glaubt!). Ich selbst habe einfach weniger zu verlieren als viele andere. Aber genau dieses Tiefergehen ist f\u00fcr mich der entscheidende Faktor. Ich bin weiterhin \u00fcberzeugt davon, dass wir uns alle besser verstehen, wenn wir gemeinsam der Wahrheit ins Gesicht sehen, unsere Fehler eingestehen und uns gegenseitig anvertrauen. Und ich glaube, dass der Mensch \u00fcber sich reden muss, um sich und seinen Charakter zu st\u00e4rken und menschlich zu werden.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich sind bei mir am Ende immer nur die Freundschaften erhalten geblieben, wo das geklappt hat &#8211; selbst bei denjenigen, die mich daf\u00fcr zun\u00e4chst verflucht haben. Und ich bin mit Sicherheit kein Freund von der zunehmenden Aufl\u00f6sung unserer Privatsph\u00e4re, aber ich bin \u00fcberzeugt davon, dass wir die Welt nur verbessern k\u00f6nnen, wenn wir die Geheimnisse l\u00fcften, die Maskerade sein lassen und dieses Schei\u00df Doubletalk endlich besiegen. Das eine schlie\u00dft das andere nicht aus, im Gegenteil: Es bedingt es. 2010 war ein Jahr, das gepr\u00e4gt war von genau dieser Debatte. Die wikileaks-Philosophie sei hier nur als ein stellvertretendes Beispiel von Vielen genannt.<\/p>\n<p>Das Schlimme, und jetzt mag ich mich wie ein Midlife-Blogger anh\u00f6ren, an der Sache ist, dass das innerhalb des eigenen Umfeldes pl\u00f6tzlich so schnell divergiert. Die Entscheidung \u00fcber die Pille scheint h\u00e4ufig rapide und schlagartig zu kippen und in den meisten F\u00e4llen gibt es dann f\u00fcr beide Parteien kein wirkliches Zur\u00fcck mehr. Wie gesagt, es polarisiert. Und die Leute, die ich in meinen engeren Kreis z\u00e4hle, schrumpft zunehmend. Aber das ist okay so. Ich werde eben eigenbr\u00f6tlerischer, vielleicht darf ich auch sagen: anspruchsvoller, spezialisierter.<\/p>\n<p>Nach diesen Menschen will ich 2011 auf der Suche sein. Eben nach wahren Menschen und Menschen, die mit mir unseer gemeinsamen Wahrheit ins Gesicht schauen. Auch auf die Gefahr hin, dass wir Truthseeker nachher alle -dem Mainstream v\u00f6llig entkoppelt- alleine durch Raum und Zeit gleiten. Denn genug Anzeichen f\u00fcr diese Gefahr gibt es. Aber zumindest gibt es f\u00fcr meine Wenigkeit kein Zur\u00fcck mehr. Ich wei\u00df, dass ich da hin will und wenn man ein Ziel hat, dann ist das doch auch schon mal was. Satres blanke Nichts der Freiheit? Fine with me. Dazu f\u00fcr 2011 wieder ein bischen mehr gesellschaftliches und politisches Engagement oder zumindest Interesse, spannendere Blogbeitr\u00e4ge (ja, ich wei\u00df!) und mehr Pflege lang vernachl\u00e4ssigter (wahrer) Freunde.<\/p>\n<p>Ab daf\u00fcr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach drei etwas tr\u00fcberen Jahren war 2010 f\u00fcr mich eigentlich ein rundum erfolgreiches Jahr. 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