{"id":715,"date":"2007-07-23T00:00:00","date_gmt":"2007-07-22T23:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.coaster.de\/wp\/?p=715"},"modified":"2007-07-23T00:00:00","modified_gmt":"2007-07-22T23:00:00","slug":"hier-ist-besetzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/bildung\/hier-ist-besetzt\/","title":{"rendered":"Hier ist besetzt!"},"content":{"rendered":"<p>K\u00f6nnt ihr Euch vorstellen, 5 Monate auf ein und derselbe Toilette zu sitzen, mit der Vorgabe, sie gef\u00e4lligst voll zu kodieren? Am Anfang geht das vielleicht noch ganz gut, aber am Ende kommt nur noch so ein d\u00fcnnes Rinnsahl. Und man ist froh, wenn sich die Sch\u00fcssel am Ende wenigstens um einen halben Millimeter gef\u00fcllt hat? Herzlich Willkommen in Bastis pers\u00f6nlicher Masterarbeits-H\u00f6lle! So geht&#8217;s mir jeden Tag. Naja, irgendwann ist Schlu\u00df &#8211; und zwar diese Woche. Weil dann zieh ich die Sp\u00fclung &#8211; und guck was am anderen Ende davon noch so rauskommt. Verdammt, ihr k\u00f6nnt mich doch alle mal! (panisches Lachen einblenden) Einige haben gefragt, was ich denn letzte Woche in Kapitel 7 geschrieben h\u00e4tte. Na, ne kleine Kotzprobe gef\u00e4llig? Hier ein bischen was des kontroverseren Reflexiv-D\u00fcnnpfiffs, den ich produziert habe. So aus dem Kontext gerissen find ich die Zeilen garnicht mal mehr so schlecht, auch wenn die meisten Wissenschaftler die H\u00e4nde \u00fcber den Kopf zusammenschlagen werden&#8230; \ud83d\ude42<\/p>\n<li><i>Nat\u00fcrlich ist ein Themenpark wie Disneyland \u201eso hart kontrolliert wie der Kremel\u201c , nat\u00fcrlich ist es kein freies demokratisches System, nat\u00fcrlich ist es totalit\u00e4r, suggestiv, simulativ und hochgradig manipulativ &#8211; und dennoch bleibt es f\u00fcr viele Besucher &#8218;the happiest place on earth&#8216; , hat enorme emotionale Auswirkungen auf das eigene Wohlbefinden und die eigenen Erfahrungswerte. Subjektiv betrachtet, interessiert die objektive Wertsch\u00e4tzung das Individuum nicht: Es lebt und genie\u00dft im Hier und Jetzt, alles andere w\u00e4re konstruktivistische Spekulation.<\/i> <\/li>\n<li><i>Wenn der katholische Filmdienst bei &#8218;The Game&#8216; also davon spricht, der Filme legitimiere \u201edistanzlos die Manipulation und Fremdbestimmung eines Menschen\u201c, ja viel mehr noch, gebe es \u201eals drastische M\u00f6glichkeit einer therapeutischen \u201aHeilung\u2019\u201c aus, dann ist dies nicht nur ein berechtigter \u201eVorwurf\u201c, es ist schlicht die \u201eersch\u00fctternde\u201c Kernaussage des ganzen Films.<\/i> <\/li>\n<li><i>Die moderne Popkultur hat in letzter Zeit viele Abhandlungen \u00fcber Simulation und T\u00e4uschung hervorgebracht: \u201eMatrix\u201c, \u201eeXistenZ\u201c, \u201eDark City\u201c \u2013 um nur einige Filme der Moderne zu nennen. Doch alle davon behandeln unsere konstruktivistische Wirklichkeit mit einer negativen Konnotation. \u00dcberall ist die T\u00e4uschung und die Fremdbestimmung bereits \u201eaufgeflogen\u201c oder im Vorgang der Entdeckung, das Vertrauen entzogen, der Mensch missbraucht \u2013 sei es nun durch Maschinen, Aliens oder dem eigenen, tr\u00fcgerischen Geist. Es wird grunds\u00e4tzlich das Aufbegehren als ein Akt der Befreiung empfunden, das Losl\u00f6sen von kontrollierenden Instanzen als grunds\u00e4zlich notwendige gesellschaftliche und moralische Pflicht.<\/i> <\/li>\n<li><i>Es geht also nicht darum, den Kontrollverlust an sich zu werten. Er ist nicht wertbar sondern ein fester Bestandteil unserer Lebensqualit\u00e4t.<\/i> <\/li>\n<li><i>Aber wenn wir aus der Entf\u00fchrung in fremde Welten etwas lernen k\u00f6nnen, wenn sie unseren Geist und unser Erlebnisspektrum erweitern, so wie bereits Musik, Kunst und Literatur unsere geistigen F\u00e4higkeiten erweitert haben, dann f\u00fchrt um die Heraushebung der Interaktivit\u00e4t aus der Virtualit\u00e4t kein Weg mehr vorbei. Ich habe Erlebniswelten in diesem Buch deswegen gew\u00e4hlt, weil sie hier den ersten Schritt gehen. Weil sie, wenn man so will, die ersten sind, die eine interaktive Matrix, eine interaktive Scheinwelt jenseits des Computers schaffen.<\/i> <\/li>\n<li><i>Wenn Interaktivit\u00e4t also die Zukunft der Simulation und Manipulation ist, dann kann man die Augen vor dem Kontrollverlust-Thema nicht verschlie\u00dfen. Und gleichzeitig k\u00f6nnen die Entwickler die Augen vor der ihnen auferlegten Kontrollverantwortung (d.h., Planungsverantwortung) nicht verschlie\u00dfen. (&#8230;) Ich m\u00f6chte neugierig gemacht werden auf das, was sich andere Menschen f\u00fcr mich ausgedacht haben. Ich m\u00f6chte motiviert, entf\u00fchrt, aufgefordert und \u00fcberrascht werden von der Cleverness der \u201eIntrige\u201c, die gegen mich gesponnen wurde. Wenn ich dabei f\u00fcr einen Tag meine eigene Realit\u00e4t vergesse, meine bis dato von v\u00f6llig anderen Einfl\u00fcssen gepr\u00e4gte Integrit\u00e4t aufgebe, um in eine neue Welt einzutauchen, der ich vertraue, dann empfinde ich \u00fcberhaupt nichts kritisierenswertes daran.<\/i><\/li>\n<p> Der Satz war auch nicht schlecht:<\/p>\n<li><i>Ja, diese Phasen der \u201ePipeline ins Unterbewusstsein\u201c, die \u201eAtrophierung des (neurobiologisch jetzt nicht mehr existenten) freien Willens\u201c, die Offenlegung unseres Geistes zur \u201efremdbestimmten Manipulation verschiedenster Art\u201c wie sie Patzlaff kritisch beurteilt, erscheinen geradezu als unabdingbare Notwendigkeit, um unser Leben \u201eertr\u00e4glicher\u201c zu machen, um darin Gl\u00fcck, Zufriedenheit und &#8211; paradoxerweise &#8211; gewisse Freiheiten zu finden, nicht nat\u00fcrlich, ohne dabei gewisse intrinsische, d.h., von uns selbst geschaffene Regeln zu beachten, die uns die Illusion des freien Geistes aufrecht erhalten, seien es nun Linearit\u00e4tsmuster, Netzwerke oder eben einfach nur die perfekte Kulisse.&#8216;<\/i><\/li>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00f6nnt ihr Euch vorstellen, 5 Monate auf ein und derselbe Toilette zu sitzen, mit der Vorgabe, sie gef\u00e4lligst voll zu&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[3],"tags":[1921,2217,2731,3306,3886],"class_list":["post-715","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bildung","tag-ganz-gut","tag-happiest-place-on-earth","tag-kapitel-7","tag-millimeter","tag-place-on-earth"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/715","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=715"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/715\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=715"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=715"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=715"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}