{"id":36044,"date":"2019-03-13T22:42:57","date_gmt":"2019-03-13T21:42:57","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.coaster.de\/wp\/?p=36044"},"modified":"2019-03-13T22:42:57","modified_gmt":"2019-03-13T21:42:57","slug":"scientology-the-aftermath","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/medien\/scientology-the-aftermath\/","title":{"rendered":"Scientology: The Aftermath"},"content":{"rendered":"\n<p>Heute hat L. Ron Hubbard, der Gr\u00fcnder von <strong>Scientology<\/strong> Geburtstag und wie ich mittlerweile gelernt habe, ist das f\u00fcr Scientologen quasi so wichtig wie Weihnachten. Und da in dem Interview mit Marc Headley (<a href=\"http:\/\/blog.coaster.de\/wp\/?p=36033\">hatte ich hier erw\u00e4hnt<\/a>) die Serie Aftermath so gelobt wurde, habe ich mir anl\u00e4sslich seines Ehrentags (h\u00f6h\u00f6h\u00f6) diese mal zu Gem\u00fcte gef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Doku-Serie f\u00fcr <a href=\"https:\/\/www.ae-tv.de\/\">A&amp;E<\/a> besuchen die beiden Ex-Scientologen Leah Remini (King of Queens) und <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Mike_Rinder\">Mike Rinder<\/a> mehrere Aussteiger und h\u00f6ren sich ihre Geschichte an. Ein gro\u00dfer Fokus liegt dabei auf die Praxis der Ausgrenzung von Familienmitgliedern, die der Sekte abtr\u00fcnnig werden, aber auch Missbrauch, Gewalt, Entf\u00fchrung, Geldgier, \u00dcberwachung und Folter kommen vor. Die vorgetragenen Geschichten sind teilweise kaum zu glauben. Der ausgestiegene Regisseur Paul Haggis (<em>James Bond 007: Ein Quantum Trost<\/em>) meint irgendwann dazu nur: &#8222;Wenn nur ein Bruchteil davon stimmt, ist es schon unfassbar.&#8220; Er hat Recht. Manches davon erinnert eher an ein Nordkorea in den USA &#8211; zensiertes Internet inklusive.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden Gastgeber wurden dabei immer wieder ein wenig von der Presse und Zuschauern kritisiert. Mike Rinder, ehemals selbst ein hohes Tier bei Scientology, erscheine h\u00e4ufig distanziert und empathielos, w\u00e4hrend sich Remini als die mit den Tr\u00e4nen k\u00e4mpfende ausf\u00fchrende Produzentin als Retterin in den Mittelpunkt stellt. Au\u00dferdem gebe die Serie f\u00fcr eine Dokumentation keine wirklich neuen Details preis w\u00e4hrend sie f\u00fcr ein Reality-Format viel zu repetitiv sei. Nun, ich glaube nicht, dass das so stimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich finde ich gerade das die St\u00e4rke von &#8222;Scientology and the Aftermath&#8220; bzw. &#8222;<strong>Ein Leben nach Scientology<\/strong>&#8222;, wie die Serie auf deutsch hei\u00dft. Tats\u00e4chlich ist die Show in der ersten Staffel nicht recht viel mehr als ein bis zwei Interviews pro Folge mit kurzen Kommentaren und Gespr\u00e4chen von Rinder und Remini. Inhaltlich gleichen sie sich tats\u00e4chlich und die Produktion macht auch keinen Hehl daraus, dass die Tragik der gebeutelten Einzelschicksale mit Tr\u00e4nen und Emotionen in den Mittelpunkt der eigenen Dramaturgie steht, die sonst keinem wirklichen Script folgt. Aber hier ist gerade die dabei kritisierte &#8222;Faulheit&#8220; eine St\u00e4rke des Formats.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend andere Reality-Serien mit flotten Schnitten und Pathetik versuchen die Aufmerksamkeitsspanne hoch zu halten, hat man hier kein Problem damit, die einzelnen F\u00e4lle als authentisches, langatmiges und manchmal schwer zu ertragendes Gespr\u00e4ch abzubilden und jedem Aussteiger den gleichen Raum einzugestehen, selbst wenn es wieder exakt die gleiche Geschichte ist. Dadurch nehme ich &#8222;Aftermath&#8220; tats\u00e4chlich ab, dass hier zwei Aussteiger tats\u00e4chlich dringend notwendige Aufkl\u00e4rungsarbeit betreiben wollen.<\/p>\n<p>Die Show integriert nur soviel Reality-Format, wie sie f\u00fcr den amerikanischen Massengeschmack muss, um Mainstream \u00fcberleben zu k\u00f6nnen &#8211; und bleibt sonst ganz nah an der Aussage dran. Klar, ein wenig wird hier und da dennoch inszeniert, aber es reduziert sich f\u00fcr heutige Verh\u00e4ltnisse wirklich auf ein Minimum: Die Unterhaltung steht nicht im Zentrum sondern die Aussage, dass die gezeigten F\u00e4lle eben keine Einzelf\u00e4lle sind &#8211; und mit jeder Wiederholung verst\u00e4rkt sich das.<\/p>\n\n\n\n<p>Scientology f\u00fchrt seitdem einen Krieg gegen faktisch alle Macher der Serie, sowie allen Personen, die dort ausgesagt haben. Jedes neue Opfer, das in den mittlerweile drei Staffeln sich zu den Kritikern z\u00e4hlt ist sich dabei bewusst, dass es unmittelbar nach Ausstrahlung Anfeindungen der Kirche ausgesetzt sein wird und m\u00f6glicherweise dabei Teile ihrer Familie verliert. Dadurch erh\u00e4lt jede neue Folge dann doch eine gewisse Brisanz. Auf PR-Seite wurden von Seiten Scientologys parallel mittlerweile hunderte verleumderische Webseiten \u00fcber jede Person der Serie erstellt und ins Netz gestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der zweiten Staffel haben sie dann in meinen Augen genau das richtige gemacht und die Episoden mit aktuellen Ereignissen verschr\u00e4nkt: Scientologys Antwort auf jede neue Folge kommt so sicher wie das Amen in der Kirche. W\u00e4hrend also in der zweiten Staffel die Anschuldigungen der Aussteiger weiter einprasseln (und dabei an Dramatik noch mehr zunehmen), prasseln von Seiten Scientologys weiter die immer gleichen Hasstiraden auf die Show zur\u00fcck. Man kann den Kampf somit sogar ein wenig in Echtzeit verfolgen. Wenn die Kirche (eher: der Kult) dann z.B. die eigenen Familienmitglieder zu Gegenaussagen gegen\u00fcber dem Angeh\u00f6rigen aus der Vorepisode bewegt, wirkt das schon recht erb\u00e4rmlich (und traurig). Der Sender selbst ver\u00f6ffentlicht zudem Stellungnahmen von Scientology (die sich selbst weigert einen Sprecher in die Sendung einzuladen) auf seinen Webseiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine besondere St\u00e4rke spielt &#8222;Aftermath&#8220; aber f\u00fcr mich mit den sogenannten Special-Episoden aus (die formal nicht zum Format geh\u00f6ren, sondern mehr wie eine Diskussionsrunde ohne Aussteiger-Aussagen als kleine &#8222;Verschnaufpausen&#8220; angelegt sind &#8211; eine \u00dcbersicht gibt es bei <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Leah_Remini:_Scientology_and_the_Aftermath#Series_overview\">Wikipedia<\/a>). Hier kommen Experten, Rechtsanw\u00e4lte, Journalisten, Autoren oder Medienleute zu Wort, die wirklich viele tiefgreifende Fragen beantworten, die das Format ab Staffel 2 eine ganze Stufe nach oben heben. So wird das Leben von Hubbard nachgezeichnet, das von dem neuen Chef Miscavige, erkl\u00e4rt wie das Medienimperium als Propaganda-Maschinerie funktioniert oder wie selbst die Promis davon abgehalten werden, mit der Kritik an der Kirche in Kontakt zu kommen. Es werden die Preise offen gelegt oder die genutzten juristischen Tricks, es werden auch die Teilnehmer der Vorstaffel eingeladen und die Auswirkung der eigene Serie reflexiv aus Sicht von Medien und Kirche betrachtet. Und dann gibt es da sogar einige ganz kurzfristige Ereignisse, die &#8222;Aftermath&#8220; fast schon zu einem Real-Time-Crime-Format macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube, ein Grund, warum ich dem Format die hohe Authentizit\u00e4t trotz meiner Skepsis gegen\u00fcber Reality-TV abnehme, ist der Versuch des Teams, Scientology auch rechtlich zu schlagen. Offen kommuniziertes Ziel von &#8222;Aftermath&#8220; ist es, Scientology zu Fall zu bringen &#8211; ohne Zweifel w\u00e4re das ein riesen Coup f\u00fcr das Team und den Sender. Dass das nat\u00fcrlich ein K\u00f6der ist, am Ball zu bleiben, ist klar. Scientology ist seit Jahren juristisch quasi unantastbar &#8211; die Chancen gering. Andererseits ist Mike Rinder schon bei einigen Gerichtsverfahren als Berater dabei und wenn es stimmt, was die erste Staffel suggeriert, sind im Hintergrund eigene Anw\u00e4lte bereits am Vorbereiten einer Strategie. Die erh\u00f6hte Medienpr\u00e4senz dieser Serie erh\u00e4lt dabei eine Schl\u00fcsselstellung, denn bislang war Scientology in den USA kaum als &#8222;Sekte&#8220; verschrien &#8211; zu sehr sind die Mitglieder mit Politik und Medien verheiratet, als dass sich hier so schnell was bewegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei einem Verfahren k\u00f6nnten dann die Aussagen der Opfer in der Serie einen hohen Stellenwert erhalten &#8211; allein schon aus diesem Grund h\u00e4tten die Macher einen Anlass, hier blo\u00df nichts auszuschm\u00fccken oder gar Falschaussagen zu treffen, die ihrer Glaubw\u00fcrdigkeit bei einem Gerichtsverfahren schaden k\u00f6nnten. Hoffen wir, dass das wirklich so ist, denn jeder Fehler w\u00fcrde von der Kirche sicherlich umgehend ausgenutzt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber ich habe auch keinen Grund, an dem selbst erkl\u00e4rten Ziel der beiden Hosts zu zweifeln, die jahrelang im Rampenlicht der &#8222;Kirche&#8220; standen und dabei selbst viel falsch gemacht und nun wieder gerade zu biegen haben. So hat Rinder seine Kinder selbst an Scientology verloren. Als ihnen in Staffel 2 eine spontane Familienvereinigung gelingt, es aus ihm angesichts seiner eigenen Situation heraus bricht und die Kamera dann sehr schnell auf Remini zoomt, meine ich zu bemerken, dass das alles gerade tats\u00e4chlich authentisch war, und dass die Absichten des Produktionsteams legitim sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Allein deswegen (und weil die bisherigen aussagenden Personen sich auch \u00f6ffentlich nur positiv \u00fcber das Projekt ge\u00e4u\u00dfert haben) w\u00fcnsche ich dem Format tats\u00e4chlich weiter die besten Quoten und einen Bombenerfolg im Gerichtssaal. Eine gelungene Gr\u00e4tsche zwischen Reality-TV, True-Crime-Format, Bildungsfernsehen und Aktivismus f\u00fcr den Massengeschmack &#8211; ich h\u00e4tte echt nicht gedacht, dass sowas heute noch so viele Zuschauer bindet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<center><iframe loading=\"lazy\" width=\"560\" height=\"315\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/HTu8FHn25yk\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe><\/center>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute hat L. 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