{"id":35262,"date":"2018-06-29T14:47:35","date_gmt":"2018-06-29T12:47:35","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.coaster.de\/wp\/?p=35262"},"modified":"2018-06-29T14:47:35","modified_gmt":"2018-06-29T12:47:35","slug":"westworld-staffel-2-spoilers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/medien\/westworld-staffel-2-spoilers\/","title":{"rendered":"Westworld &#8211; Staffel 2 [Spoilers]"},"content":{"rendered":"<p>Das war sie also, die zweite Staffel der hei\u00df erwarteten HBO-Serie Westworld &#8211; einem Vergn\u00fcgungspark der Zukunft, in dem Menschen mit Androiden (&#8222;Hosts&#8220;) wie in einem Computerspiel machen k\u00f6nnen, was sie wollen. Zur\u00fcck bleibt bei mir diesmal ein ambivalenter Eindruck.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter \" src=\"http:\/\/blog.coaster.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Westworld-Season-2-Poster.jpg\" width=\"560\" height=\"295\" \/><\/p>\n<p>Staffel 1 war ein grandioser Rundumschlag \u00fcber alle Themen, die unsere Gesellschaft zuk\u00fcnftig bewegen wird&#8230; Von Simulation \u00fcber k\u00fcnstliche Intelligenz, dem freien Wille bis zur Disruption, Spieltheorie und den tiefen Abgr\u00fcnden des Menschseins war alles dabei und wurde in ein wunderbar abgepacktes Metaebenen-Spektakel verpackt. Ein feine Neuinterpretation des Michael-Crichton-Werkes von 1973. Und der ein oder andere Twist machte die Serie auch intellektuell spannend &#8211; das ganze Plot-Universum war clever ausgedacht.<\/p>\n<p>Auch Staffel 2 hat wieder wunderbare Aufnahmen, einen hervorragenden Cast und einen spektakul\u00e4r guten Soundtrack. Die Production-Value ist enorm und es macht Freude, der Serie zuzuschauen. Auch das \u00fcbergeordnete Thema macht Sinn. Ging es in Staffel 1 noch darum, was den Menschen zum Menschen macht sowie der Grenz\u00fcberschreitung vom untert\u00e4nigen Host zum rebellierenden, bewusstseinserhaltendem Wesen, steht nun umgekehrt der Mensch im Fokus: &#8222;Nicht wir haben Hosts codiert, wir haben Menschen decodiert&#8220;. Diesmal wird prim\u00e4r aus der Sicht der Hosts erz\u00e4hlt, wie sie die Menschen sehen. Dabei dreht sich am Ende alles um freie Entscheidungen und Determination.<\/p>\n<p>Und da kommt der Schwachpunkt der diesj\u00e4hrigen Staffel ins Spiel: Seine Determination. Wo &#8222;Westworld 1&#8220; noch ein cleveres Ratespiel aus Strategien und Charaktermotivationen war, ist &#8222;Westworld 2&#8220; ein Sammelsurium an kuriosen Zuf\u00e4llen. Das mag man im Rahmen des &#8222;Game-Designs&#8220; noch als \u00fcbermenschlich clever angelegten Pfad akzeptieren, sp\u00e4testens au\u00dferhalb dieser Welten wird er irgendwann nervig.<\/p>\n<p>Da wird der Kopf der Programmierabteilung gefangen genommen und in ein Diagnosezentrum entf\u00fchrt, just in dem Moment, wo zuf\u00e4llig auch die Executive Direktorin mit einem Milit\u00e4rteam vor Ort ist. Gerade als das Sicherheitspersonal zum Todesschuss ansetzen will, entdecken die begossen dreinschauenden PMCs, dass da ja eine Geheimt\u00fcr ist und die ganze Eskalation ist schlagartig vergessen. Oder da kommt auch schon mal die Tochter des Man in Black in der Westworld vorbei und findet ihren Vater in dem riesigen Parkareal v\u00f6llig zuf\u00e4llig genau zu dem Zeitpunkt, wo er angeschossen wurde. Dass das dramaturgisch mittelpr\u00e4chtig ist, war wohl auch den Dialogschreibern bewusst, also folgt gleich danach ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Zuf\u00e4lle und Vorbestimmung. Geht das wirklich nicht besser? Und dann l\u00f6scht Bernard seine eigenen Gedanken, nur um sich genau zu dem Zeitpunkt zu erinnern und sie verraten, wo es am wenigsten Sinn macht. Jede Episode enth\u00e4lt solche Zuf\u00e4lle und in der Menge werden sie irgendwann erm\u00fcdend: Zu einem anderen Zeitpunkt kommt ein anderes Milit\u00e4rteam genau dann in der Mesa an, als dieses von der mordl\u00fcsternden Dolores und ihrem Gefolge angegriffen wird. Damit das der Zuschauer auch begreift rufen das die Milit\u00e4rs auch nochmal laut aus, verlassen unmittelbar den Raum und lassen gleichzeitig ein paar der zentralen Hosts, die ja mittlerweile zur Gefahr geworden sind, einfach im Eingangsbereich allein. Was f\u00fcr ein Gl\u00fcck f\u00fcr den Drehbuchschreiber!<\/p>\n<p>Apropos Drehbuchschreiber und Dolores: Sowohl ihre als auch die Motivation des Narrative Directors stellen so einen weiteren Knackpunkt in der neuen Staffel da. Letzterer bekommt zwar einiges an Entfaltungs-Freiraum einger\u00e4umt, verkommt aber schnell zur Witzfigur. Wirklich zentral ist seine Rolle nicht. Statt dessen liefert er ein paar Details dazu ab, wie das mit dem Geschichtenschreiben denn so funktioniere, wirkt am Ende also mehr wie ein reiner Autorenkommentar auf den teilweise m\u00fchsam konstruierten Plot. Dass er dann in der relativ unmotiviert eingestreuten Shogun-World pl\u00f6tzlich Teil des Kampfes sein muss, wirkt fast befremdlich &#8211; andererseits steht der komplette Samurai-Part der Serie in keinem wirklich Kontext und dient prim\u00e4r der Zeitstreckung. Immerhin wird f\u00fcr Maeves Motivation, die Menschen im Gegensatz zu Dolores nicht alle zu t\u00f6ten, hier ein wenig Raum einger\u00e4umt.<\/p>\n<p>Ein weiterer Substrang \u00fcber die neu eingef\u00fchrte Ghost Nation ist ebenfalls mehr Beiwerk und nicht zentral, auch wenn es rund zwei komplette Episoden f\u00fcllt. Toll anzusehen, aber eben nicht wirklich in das gro\u00dfe Ganze integriert. Gegangen w\u00e4re das alles auch anders und dass man gerade den Narrative Director der Parks so banal und unglaubw\u00fcrdig pr\u00e4sentiert, wird dem \u00fcbergeordneten Thema der Staffel eigentlich nicht gerecht. Vielleicht wollte man auch einfach nur keine weitere clevere Person neben Creative Director Robert Ford stellen, wie immer traumhaft gespielt von Anthony Hopkins. Am Ende wird selbst den Autoren der Serie scheinbar klar, dass er bestenfalls noch als Kanonenfutter taugt.<\/p>\n<p>Und dann ist da Dolores, die in Staffel 2 die 180\u00b0 Wendung vollf\u00fchrt und zur Ausl\u00f6schung der Menschheit ausruft. Manchmal fragt man sich schon, ob neben Dolores nicht auch die Drehbuchautoren ein bisschen gr\u00f6\u00dfenwahnsinnig wurden. Ihr Charakter entwickelt sich vom Serienliebling zu einer kaum mehr liebenswerten Person. Selbst die befreundeten Hosts k\u00f6nnen ihrer Mordlust irgendwann nicht mehr folgen. Kollateralschaden in den eigenen Reihen nimmt sie geflissentlich in Kauf. Scheinbar soll sie eine ebenso geniale Rolle einnehmen wie das in Staffel 1 Ford getan hat: Sie hat den Plan, sie wei\u00df was zu tun ist. W\u00e4re sie nur eben nicht so gottverdammt unsympathisch. \u00dcberhaupt bleibt ihre Motivation kaum verst\u00e4ndlich. Sicher, sie hat Vieles durchgemacht, aber das hatten ihre Kollegen, allem voran Maeve, auch. Wo kommt dieser viele Hass her, der sie zu einer Massenm\u00f6rderin gr\u00f6\u00dften Kalibers macht? \u00a0Die Serie bleibt uns diese Antwort -zumindest bislang- schuldig.<\/p>\n<p>Der Storypart des Hosts Maeve verliert sich also in Details, der gef\u00fchlt 100x erschossene MiB ist immer genau dort, wo er sein muss und Dolores wird zum Unsympath &#8211; es f\u00e4llt damit einfach schwerer, mit den Parallel-Geschichten des Charakter-Sets mitzuf\u00fchlen. Am Ende ist es mehr Spektakel als Inhalt. Bleiben also noch die &#8222;richtigen&#8220; Menschen in der Mesa: die Direktoren, Programmierer, Entwickler und das Sicherheitspersonal.<\/p>\n<p>Dort ist die Kacke seit Staffel 1 ganz offensichtlich am Dampfen. Noch schlimmer: Rettung ist erst mal nicht in Sicht, weil vorher noch ganz dringend Daten von einem Host gesichert werden m\u00fcssen. Trotzdem schiebt niemand Panik. Im Gegenteil. Da wird teilweise weiter an Hosts gearbeitet, w\u00e4hrend sich G\u00e4ste und Kollegen bereits als Leichen im Park und in den Zentrale sammeln. Die in Staffel 1 noch geniale Metapher mit den &#8222;gl\u00e4sernen&#8220; R\u00e4umen, in der jeder jeden sieht und beobachtet, wird jetzt pl\u00f6tzlich fast schon zum Problem.\u00a0Auch in der brutalen Shogun-World und der quasi nebenbei angemerkten aber ebenso (noch) v\u00f6llig irrelevanten Welt &#8222;Raj&#8220; sind ausnahmslos fast alle Mitarbeiter knallharte Haudegen. Auf die Idee, sich zu verstecken und einfach zu warten, bis die Leitung die Probleme mit der Rettungseinheit l\u00f6st, kommt scheinbar keiner. Selbst wenn Dolores bereits in der Mesa w\u00fctet ist das Wort &#8222;Versteck&#8220; ein Fremdwort. Und nat\u00fcrlich: Wenn sich Dolores und Direktorin Hale gegen\u00fcberstehen, passiert au\u00dfer einem bedeutungsschwangeren Dialog dann doch nichts &#8211; Dolores darf nicht sterben, also entkommt sie nahezu problemlos. Seufz.<\/p>\n<p>Diese Konstruktion zieht sich durch die zweite Staffel wie ein roter Faden. Narrative Probleme werden mit beil\u00e4ufigen Erkl\u00e4rungen weggewischt: Ein paar Charaktere m\u00fcssen schnell die riesigen Parks wechseln? Kein Problem, es gibt Verbindungstunnels &#8211; wie auch immer man die hundert Kilometer dabei \u00fcberwindet. Ein paar wichtige Personen sind im aussichtslosen Kampf? Easy, es werden einfach alle nicht mehr ben\u00f6tigten Darsteller abgeschlachtet und alle anderen finden genau zum richtigen Zeitpunkt einen Aufzug. Das Mitdenken, Mitfiebern und Zusammensetzen von Inhalten wie noch in Staffel 1 gibt es in Staffel 2 bestenfalls noch durch die gleichzeitig pr\u00e4sentierten Zeitebenen &#8211; was f\u00fcr treue Zuseher aber auch keine allzu gro\u00dfen &#8222;Aha!&#8220;-Momente mehr bereit h\u00e4lt. Kurzum: Die Staffel ist einfach deutlich weniger clever. So richtig wundern darf man sich also nicht, dass die Einschaltquoten diesmal geringer ausfielen. Ziemlich sicher hat die Staffel im Verlauf einiges an bislang treuem Publikum verloren.<\/p>\n<p>Ist sie trotzdem gut? Durchaus. Es gibt genug Themen, die zumindest angeschnitten werden und die erneut zum Nachdenken anregen. Sie dreht das komplette Sinnbild um und prophezeit die Ankunft einer neuen &#8222;digitalen Spezies&#8220; in unserer Welt. Auch das ganze Thema &#8222;digitales Bewusstsein&#8220;, dass nur in Bits-und-Bytes leben kann, bekommt ein paar tolle Momente spendiert. Die letzte Episode rei\u00dft erwartungsgem\u00e4\u00df nochmal Vieles heraus und liefert einige spannende Cliffhanger. Ob der \u00dcbertritt von Hosts in &#8222;unsere&#8220; reale Welt erz\u00e4hlerisch Sinn macht oder nicht m\u00f6chte ich noch nicht beurteilen. Immerhin k\u00f6nnen sich Seriensch\u00f6pfer Nolan und Joy dort hoffentlich nicht ganz so konstruiert austoben wie in den Parkwelten (von denen wir aber bei weitem noch nicht alles gesehen haben werden).<\/p>\n<p>Also trotzdem: F\u00fcr mich auch nach der zweiten Staffel eine der einflussreichsten Serien der Gegenwart: Im Zeitgeist, toll produziert, toll gefilmt, fantastisch gespielt. Staffel 2 erreicht vielleicht nicht die Qualit\u00e4t von Staffel 1, es ist aber auch kein Sequel-Problemkind wie Matrix 2 oder Jurrasic Park 2. Die Post-Credit-Szene hat mich bereits wieder voll &#8222;gehooked&#8220; und ich kann jetzt schon nicht erwarten, wie es in 2020 weitergehen wird. Wenn die zweite Staffel wirklich nur den \u00dcbergang dargestellt haben sollte, wie sie es andeutet, dann soll mir das F\u00fcllmaterial und die Konstruktion egal sein. Ich bin gespannt!<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/y_gFUVfUZbM\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das war sie also, die zweite Staffel der hei\u00df erwarteten HBO-Serie Westworld &#8211; einem Vergn\u00fcgungspark der Zukunft, in dem Menschen&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-35262","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-medien"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35262","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=35262"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35262\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=35262"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=35262"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=35262"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}