{"id":28478,"date":"2014-03-23T00:01:58","date_gmt":"2014-03-22T23:01:58","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.coaster.de\/wp\/?p=28478"},"modified":"2014-03-23T00:01:58","modified_gmt":"2014-03-22T23:01:58","slug":"kindermadchen-trifft-maus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/film-kultur\/kindermadchen-trifft-maus\/","title":{"rendered":"Der Tag, als das Kinderm\u00e4dchen die Maus traf"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/v\/a5kYmrjongg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1023 alignleft\" src=\"http:\/\/blog.coaster.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/SavingMrBanks.jpg\" alt=\"Saving Mr. Banks\" width=\"166\" height=\"250\" \/><\/a><\/strong><\/p>\n<p><em>Wind dreht nach Ost. Nebel kommt auf. Der Himmel sieht pl\u00f6tzlich so merkw\u00fcrdig aus! Was uns bevorsteht, das zu sagen ist schwer. Doch ich f\u00fchle, es kommt was, es kommt etwas her!<\/em><\/p>\n<p>P. L. Travers war eine ungew\u00f6hnliche und kauzige Frau. Eigenwillig, manchmal exzentrisch und trotzdem verschlossen. Sie lebte alleinstehend in London. Selbst kinderlos hatte sie in den 40er Jahren ein Zwillingskind adoptiert \u2013 was in der damaligen Zeit ein ziemlich progressiver Schritt war. Ihre wahrscheinlich bisexuellen Beziehungen verheimlichte sie, genauso wie ihre australische Herkunft oder einige der erotischen Kurzgeschichten, die sie verfasst hatte. Sie schaffte sich einen britischen Akzent an und gab ihren Familiennamen auf. Nichts und niemand sollte jemals ihre Vergangenheit erfahren.<\/p>\n<p>Bekannt geworden ist sie damals durch eine Kinderbuch-Figur, welche die Welt im wahrsten Sinne des Wortes wie im Fluge erobern sollte: Mary Poppins. Heute kennen P.L. Travers nur noch sehr wenige. Mary Poppins hingegen ist mittlerweile mit einer ganz anderen exzentrischen Person verbunden: Walt Disney. Er hatte Mary Poppins in den 60er Jahren verfilmt \u2013 ein gewaltiger Kassenschlager. F\u00fcnf Oscars. Und ein Trickeffekte-Durchbruch.<\/p>\n<p>Das Verh\u00e4ltnis zwischen Walt Disney und P.L. Travers war kein gutes. Der Walt-Disney-Company wurde bis zum Ende vorgeworfen, Mary Poppins aus den H\u00e4nden der Autorin gerissen und gegen ihren Willen ver\u00e4ndert zu haben. Nun hat Disney genau diese umstrittene Vergangenheit in einem biographischen Film aufgearbeitet \u2013 und die Vergangenheit von P.L. Travers gleich mit.<\/p>\n<p>Dabei bleibt \u201e<strong>Saving Mr. Banks<\/strong>\u201c eigentlich angenehm kammerspielartig. Die Szenen finden praktisch nur in den Walt Disney Studios, im Disneyland und als R\u00fcckblenden in Australien stand. Dabei gibt es auch nur ein paar Darsteller: die Sherman Brothers, der Drehbuchautor, der Chauffeur (Paul Giamatti, wie immer genial!) sowie die australische Familie von P.L. Travers. Und nat\u00fcrlich die hervorragenden Hauptdarsteller Emma Thompson (P.L. Travers) und Tom Hanks (Walt Disney). Mehr braucht es auch nicht, denn Saving Mr. Banks ist ein Charakterst\u00fcck. An Hand von archivierten, wieder entdeckten Tonaufnahmen zwischen Walt Disney und P.L. Travers wurde die Geschichte der Rechte-Verhandlung nachkonstruiert.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich geht es vordergr\u00fcndig zwei Stunden lang um nichts anderes: Walt Disney m\u00f6chte gerne die Rechte an Mary Poppins kaufen, P.L. Travers m\u00f6chte sie nicht verkaufen. Doch unter der Oberfl\u00e4che brodelt ein Thema, das jedem Kreativen nur zu bekannt ist. Es geht um die Identit\u00e4t mit der eigenen Kunst, um die Verlustangst der eigenen Sch\u00f6pfung, um die Verantwortung und Empathie bei der \u00dcbernahme von fremden Stoff, um das Loslassen \u2013 aber viel mehr noch um das Leid, welche jede Kunst erst erschaffen hat.<\/p>\n<p>Mit Disney und Travers treffen zwei Extrema aufeinander. Auf der einen Seite Walt \u2013 zweifelsohne ein Geschichtenerz\u00e4hler. Einer, der seine Geschichten mit anderen teilt und daraus ein wirtschaftliches Imperium aufgebaut hat \u2013 der Inbegriff des &#8222;altruistischen&#8220;, erfolgreichen M\u00e4rchenonkels. Eine Person, die Kinder am liebsten t\u00e4glich knudeln m\u00f6chten, die aber innerlich ohne Zweifel ein harter Gesch\u00e4ftsmann blieb. Ein Gesch\u00e4ftsmann, der seiner Tochter die Verfilmung von Mary Poppins versprochen hatte und keine Niederlage akzeptiert.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite Travers. Eine steife, resolute Person, die keine Kritik oder \u00c4nderung an ihrem kreativen Schaffen duldet. Eine Person, die nur durch Gl\u00fcck zu Reichtum kam und mit Geld nicht allzu gut umgehen kann. Eine Person, die im Hintergrund bleibt, die Gesellschaft scheut, sich hinter Fassaden und \u00e4u\u00dferer H\u00e4rte verstecken muss, aber innerlich durch Ereignisse tief veletzt wurde und das nur noch durch ihre Kunst ausdr\u00fccken kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/blog.coaster.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/441px-PL_Travers.jpg\" alt=\"\" width=\"441\" height=\"599\" \/><em>P.L. Travers (1924)<\/em><\/p>\n<p>P.L. Travers erschaffte Mary Poppins nicht aus kommerzieller oder altruistischer Sicht. Sie erschaffte ihre eigene kleine Parallelwelt aus Schmerz, als Form der Aufarbeitung ihrer eigenen Vergangenheit. Und sie hing daran \u2013 es war ihr Universum, ihr R\u00fcckzugspunkt. Und sie hat bis zum Ende nicht akzeptiert, dass Rezipienten aus ihrer Figur und ihrem Universum etwas anderes machen w\u00fcrden als das, was es f\u00fcr sie war. Bis zum Schlu\u00df hat sie von dieser Einstellung nicht losgelassen. Wir werden am Ende des Films erfahren: Die Kaltherzigkeit ist der einzige Selbstschutz, der einer Tr\u00e4umerin geblieben ist, die bis zum Schluss ein Kind in sich verstecken musste, das nie richtig erwachsen wurde.<\/p>\n<p>Walt Disney wiederum hat zun\u00e4chst nicht mal im Ansatz begriffen, warum P.L. Travers die Produktion des Filmstreifens durchgehend attackierte. Dick van Dyke schlo\u00df sie als Hauptdarsteller aus. Animationssequenzen waren verboten. Die Musik hasste sie. In einer zwei-w\u00f6chigen Vorbereitungsphase, die Saving Mr. Banks nun festh\u00e4lt, sieht man den Wahnsinn, als damals mehrere unfassbar kreative Personen aufeinander prallten, absolute Magie schafften, und sich dabei regelrecht zerfleischten. P.L. Travers hatte bis zum Ende den Rechtevertrag nicht unterschreiben.<\/p>\n<p>Erst sehr sp\u00e4t in Saving Mr. Banks begreift Disney, was wirklich hinter Mary Poppins steckt. Er entschl\u00fcsselt die Vergangenheit von P.L. Travers und setzt zum letzten Versuch an, den Film doch noch in die Tat umzusetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"  aligncenter\" src=\"http:\/\/blog.coaster.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/510px-Walt_Disney_NYWTS.jpg\" alt=\"\" width=\"459\" height=\"539\" \/><em>Walt Disney (1938)<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>###\u00a0SPOILER-ALERT ANFANG ###<\/em><\/span><\/p>\n<blockquote><p>Ein H\u00f6hepunkt von Saving Mr. Banks ist dabei ohne Zweifel das Auftreten der \u201eechten\u201c Mary Poppins: Mittlerweile sind sich Historiker weitesgehend einig, dass es sie wirklich gab &#8211; n\u00e4mlich die Tante von P.L. Travers. Ausgestattet mit einem Papageien-Regenschirm hatte sie die in Armut und Chaos lebende Familie nach dem Tod des Vaters aus dem Schlimmsten gerettet. In Saving Mr. Banks erkennt damit auch Disney erstmalig an, dass Mary Poppins eigentlich nie die Kinderbuch-Figur war, als die sie der Konzern sp\u00e4ter verkauft hatte.<\/p>\n<p>Sie war wahrscheinlich viel mehr der stille Wunsch von Travers nach der R\u00fcckkehr ihrer Tante mit dem Regenschirm \u2013 und die (unm\u00f6gliche) Rettung des von ihr geliebten Vaters, dessen Vornamen sie sp\u00e4ter angenommen und dessen Verlust sie nie verkraftet hatte &#8211; eine Sehnsucht, die von ihr niemals konkret ausgesprochen wurde. Das zumindest proklamiert der Film. Zur\u00fcck bleibt am Ende von Saving Mr. Banks eine gebrochene P.L. Travers. Der Blosstellung geschlagen unterschreibt sie den Rechtevertrag und stimmt damit der Produktion eines ihr verhassten Filmes doch noch zu. Ein Ende mit fahlem Beigeschmack.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>### SPOILER-ALERT ENDE ###<\/em><\/span><\/p>\n<p>Immer wieder wurde der Walt-Disney-Company vorgeworfen, dass man die Rechtsstreitigkeiten zwischen K\u00fcnstlerin und eigenem Studio nicht unvoreingenommen verfilmen k\u00f6nne. Und mit Sicherheit stimmt das. Saving Mr. Banks bleibt im Kern ein Disney-Film, mit all den kitschigen Elementen, die man damit assoziiert &#8211; au\u00dfer dem Happy End. Und auch wenn einige Passagen der Travers-Biographie ausgelassen oder verk\u00fcrzt und einige der kaltherzigeren Business-Aktionen von Walt Disney nur am Rande tangiert werden (er hatte P.L. Travers z.B. nicht zur Premiere eingeladen), ist es doch eine feinf\u00fchlige Verbeugung vor der Sch\u00f6pferin und ihrem Universum.<\/p>\n<p>Sicher, P.L. Travers h\u00e4tte diesen Film verdammt und sich vermutlich mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen gegen die Interpretation gew\u00e4hrt. Gott sei Dank l\u00e4sst sich der Film am Ende nicht dar\u00fcber aus, ob sich ihre Wandlung von der kaltherzigen, kauzigen Dame zur verzweifelten, namenlosen, weinenden Frau am Ende der eigenen Gebrochenheit, dem tief sitzendem, unverarbeitetem Schmerz oder tats\u00e4chlich dem Hass des Kinofilms gegen\u00fcber geschuldet ist. Wir werden es nie wirklich wissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Trotzdem: Die Geschichte \u00fcber die Geschichte der Geschichte funktioniert. Wenn am Ende die gefundenen Originalaufnahmen der Brainstorming-Sitzungen beim Abspann zu h\u00f6ren sind und man die resolute P.L. Travers im feinen britischen Akzent sprechen h\u00f6rt, bemerkt man, dass den Machern tats\u00e4chlich etwas daran lag, der Autorin und beiden Mary Poppins \u2013der von Disney wie der von Travers- ein Denkmal zu setzen. Wenn vielleicht auch keine fein s\u00e4uberliche Aufarbeitung, so ist Saving Mr. Banks auf alle F\u00e4lle ein gro\u00dfes \u201eDankesch\u00f6n\u201c und ein kleines \u201eEntschuldigung\u201c gegen\u00fcber einer K\u00fcnstlerin, die sich bis zum Ende von einem Konzern um ihre wichtigste Freundin beraubt sah. Es gibt genug Gro\u00dfkonzerne, die das auf diese Art nicht hinbekommen w\u00fcrden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ein durch und durch sch\u00f6nes Werk f\u00fcr alle Kreativschaffenden, Autoren, Filmemacher und ein Empathie-Lehrfilm f\u00fcr Rechteverwerter und Medienanw\u00e4lte.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/blog.coaster.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/MaryPoppinsCC.jpg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"360\" \/><em>Mary Poppins und Bert (auf dem Pferd im Disneyland, auf dem Walt an die vergessene Kindheit von P.L. Travers appeliert haben soll). [Foto cc-by-sa 3.0 Disney-Grandpa]<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Schon als Kind habe ich bei Mary Poppins immer eine latente, melancholische Note durchgesp\u00fcrt. Bis heute konnte ich nicht fassen, was genau mich an dem Film so traurig gemacht hat. Saving Mr. Banks erkl\u00e4rt es und beweist ganz nebenbei, wie sehr kreative Schaffenskraft eines Autors ihre Zeit und ihre Transformationen \u00fcberdauern kann, selbst wenn sie f\u00fcr den Sch\u00f6pfer wie ein Verlust vorkommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Disney hat mit dem einfachen, aber feinf\u00fchligen Werk einem meiner Lieblings-Kinderfilme damit seine Magie genommen. Er wird f\u00fcr mich nie mehr so sein wie fr\u00fcher. Jeder kann das verstehen, wie er will \u2013 ich verstehe es als eine ganz gro\u00dfe Geste an die Autorin. Als ein: \u201eWir haben verstanden, um was es dir geht. Wir \u00e4ndern jetzt die Botschaft unseres Films. Wir geben dir ein bischen was zur\u00fcck.\u201c Und das wiederum ist etwas, das Walt Disney bei der Ver\u00f6ffentlichung auf alle F\u00e4lle zu verhindern versuchte. Das Studio stellt sich erstmalig gegen seinen Sch\u00f6pfer. Ich honoriere das.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Es ist eine Schande, dass der Film in Deutschland nicht so richtig von der Rampe kommt. Viele Kinos nehmen ihn nach der ersten Woche schon wieder aus dem Programm oder verfrachten ihn ins Nachmittagskino, wo er eigentlich nichts zu suchen hat. Denn auch wenn Saving Mr. Banks an der Oberfl\u00e4che eine reine, melancholische Biographie ist, und so sperrig-mediale Themen wie Rechteverhandlungen, Kreativdirektion, Charakterentwicklung oder Drehbuchschreiben behandelt, ist es darunter einfach nur eine wundervolle Hommage an die Macht der Sch\u00f6pfung und der Erz\u00e4hlung \u2013 mit all ihrer Magie und Missverst\u00e4ndnissen.<em><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wind dreht nach Ost. Nebel kommt auf. Der Himmel sieht pl\u00f6tzlich so merkw\u00fcrdig aus! 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