{"id":28366,"date":"2014-03-13T01:26:16","date_gmt":"2014-03-13T00:26:16","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.coaster.de\/wp\/?p=28366"},"modified":"2014-03-13T01:26:16","modified_gmt":"2014-03-13T00:26:16","slug":"geeks-are-not-sexy-beware-rant-inside","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/artikel\/geeks-are-not-sexy-beware-rant-inside\/","title":{"rendered":"Geeks are (not) sexy [Beware: Rant!]"},"content":{"rendered":"<p>Als wir die Computerkids der 80er waren, war uns der Ausdruck \u201eNerd\u201c noch v\u00f6llig unbekannt. Ich hatte mich dem Computer verschrieben, weil er eine v\u00f6llig neue Welt versprach, aber gleichzeitig auch etwas war, was von niemandem so richtig erfasst wurde. Den Computer zu verstehen oder zu bedienen war eine F\u00e4higkeit jenseits jeder Konvention oder Regeln \u2013 es begriff ja auch niemand, was genau man damit machte. Es war der Nicht-Mainstream in Perfektion. Es war ein Ort, an dem ich mich wohl f\u00fchlte \u2013 unbeobachtet von der Welt, trotzdem kreativ und wohlwissentlich, dass mein aufgebautes Know-How mich durch mein Leben w\u00fcrde f\u00fchren k\u00f6nnen \u2013 denn soviel stand f\u00fcr uns alle damals schon fest: Der Siegeszug des Computers war nicht mehr aufzuhalten.<\/p>\n<p>Als dann immer mehr klar wurde, dass \u201ewir\u201c Nerds nicht nur unsere Welt, sondern auch die Welt aller anderen im stillen K\u00e4mmerlein mitgestaltet hatten und Computerspiele, Internet und Datenbanken die Weltherrschaft \u00fcbernahmen, waren wir pl\u00f6tzlich aus der Garage ins Lampenlicht ger\u00fcckt worden. Ich f\u00fcr meinen Teil kann sagen, fand das befremdlich.<\/p>\n<p>Sicher \u2013 zun\u00e4chst waren wir alle schon ein wenig stolz darauf, pl\u00f6tzlich doch ein Teil der Gesellschaft, ja sogar der High-Society zu sein. Pl\u00f6tzlich waren wir wer. Doch f\u00fcr die Aufgabe des Lebens als Underdog zahlten wir einen hohen Preis. Pl\u00f6tzlich fing der Mainstream an, \u00fcber das \u201eNerdsein\u201c zu bestimmen. Pl\u00f6tzlich dr\u00fcckten Konventionen st\u00e4rker und st\u00e4rker in den Bereich vor, den wir uns damals so gem\u00fctlich selbst eingerichtet hatten. Jeder f\u00fcr sich. Regelfrei. Nur der Schaffenskraft mit bin\u00e4ren Zahlen verpflichtet. Wir legten damals die Regeln fest. Jetzt pl\u00f6tzlich begannen andere, uns vorzuschreiben, wer wir zu sein hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a class=\"thickbox\" title=\"scanfile27.jpg\" href=\"http:\/\/lh4.ggpht.com\/-eFQumMNK89U\/S0Dr1FNDQNI\/AAAAAAAABhw\/VaFpLHVxSZM\/w1024\/scanfile27.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"scanfile27.jpg\" src=\"http:\/\/blog.coaster.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/scanfile27.jpg\" alt=\"scanfile27.jpg\" width=\"400\" height=\"250\" \/><\/a>(bits&#8217;n&#8217;fun &#8217;97 &#8211; und ja, ich hab echt ne Krawatte an!)<\/p>\n<p>Heute ist \u201eNerd\u201c sein \u201ein\u201c. Geeks sind sexy \u2013 les ich. Sind sie das? Zu meiner Zeit war ich noch der Brillentr\u00e4ger, der sich vor Schulhof-Pr\u00fcgeleien in Acht nehmen musste. Sexy waren wir sicherlich nicht. Wir haben die Sexiness f\u00fcr unsere Leidenschaft zum mechanischen Gehirn bezahlt. Sexy wurden wir erst, als ein Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung bemerkte, dass sie ohne die Technologie der Nerds nicht mehr w\u00fcrde leben k\u00f6nnen. Ich finde ja, das ist ein wenig heuchlerisch.<\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend die einen ihre Sexualit\u00e4t f\u00fcr diese Technologie opferten, haben die anderen die ihrige flei\u00dfig gepflegt \u2013 nur um am\u00a0 Ende das \u201eNerdsein\u201c f\u00fcr sich zu kapern und einfach um zu ettiketieren. H\u00e4tte mir vor 20 Jahren jemand gesagt, dass mal M\u00e4dchen (diese fremde Spezies, die bei uns h\u00f6chstens als b\u00fccherversessenes Mauerbl\u00fcmchen vorbeischaute) mit Make-Up versuchen w\u00fcrden, unser Aussehen zu imitieren, weil es \u201esexy\u201c sei, h\u00e4tte ich vermutlich die Schuppen aus meinem fettigen Haar gesch\u00fcttelt und lauthals gelacht. \u00a0\u201eWo wart ihr denn, als ihr uns damals noch verspottet habt?\u201c, denke ich mir da manchmal. Wenn etwas per Konvention attraktiv gemacht wird, fehlt f\u00fcr mich der Sache schon per se die Glaubw\u00fcrdigkeit \u2013 und es zeigt nur einmal mehr, welchen Luftschl\u00f6ssern manche Menschen nachjagen. Gl\u00fccklich kann man so doch nicht werden, oder?<\/p>\n<p>Ich mag die Massenkompatibilisierung \u00a0des \u201eNerdseins\u201c nicht. Ich habe mich damals sehr bewusst f\u00fcr dieses Leben entschieden, weil ich neue Sachen machen wollte. Sachen, die noch nicht gemacht wurden. Sachen, die nicht jeder machen kann. Sachen, die etwas bewegen oder verbessern. F\u00fcr die Sache, nicht f\u00fcr mich \u2013 und erst recht nicht f\u00fcr meinen Status. Ich habe mich daf\u00fcr entschieden, weil ich unbeobachtet war \u2013 und frei. Weil es keinen Druck von Au\u00dfen gab, wie ich zu sein hatte. Es war Schaffenskraft ohne Schranken. Es sah ja auch jeder weg.<\/p>\n<p>Und klar \u2013 auch ich fand es eine Zeit lang toll, dass pl\u00f6tzlich \u201eunsere\u201c Sprache auf T-Shirts gedruckt wurde, die Helden meiner Gamer-Kindheit pl\u00f6tzlich als Mega-Merchandise im Supermarkt standen und der Feuilleton gro\u00dfmundig unsere Koriph\u00e4en interviewte. Doch mittlerweile gehe ich zur Resignation \u00fcber. Das \u201eNerdtum\u201c ist zu einem Trend geworden, dem heute mindestens genauso viel Menschen hinterherlaufen wie in den 80ern den Yuppies. Die Sprache der Massen-Nerds verstehe ich manchmal schon nicht mal mehr selbst \u2013 und das, obwohl ich doch eigentlich einer der ihrigen sein sollte.<\/p>\n<p>Schulen und Universit\u00e4ten bilden mittlerweile ganze Herscharen an Jugendlichen aus, die ihren Traum vom Nerd-Job verwirklichen wollen. Nat\u00fcrlich in Nerd-Sprache mit Nerd-Profs und am besten noch in nerdigen Geb\u00e4uden. Ich habe damals daf\u00fcr gek\u00e4mpft, \u00fcberhaupt in einen medienwissenschaftlichen Studiengang mit Informatik-Schwerpunkt zu rutschen. Und was bin ich froh, dass meine Ausbildung damals noch interdisziplin\u00e4r war. Ja \u2013 ich sa\u00df mit BWLern genauso zusammen wie mit Psychologen, Soziologen, P\u00e4dagogen, Informatikern, Politikwissenschaftlern, Historikern, Ehtikern, Juristen und Philosophen. Ich habe das Studium gemocht, da es eben nicht darum ging, meine Gedanken in eine konventionelle Nerd-Denke zu pressen \u2013 das pure Gegenteil war der Fall. Unmittelbar nach meinem Abschlu\u00df sollten Computerspiele aber bereits ein festes Thema im Studiengang sein. Ich fand das irgendwie schade.<\/p>\n<p>Ja, eigentlich sollte ich das gut finden. Und lange Zeit war ich auch ein Bef\u00fcrworter der Professionalisierung unserer Branche, ein Bef\u00fcrworter der Einf\u00fchrung von Konventionen und Regeln bei der Produktion unserer Technologie, eines gestreamlinten Workflows. Ich merke aber, dass ich mich immer mehr weg von dieser Einstellung bewege.<\/p>\n<p>Ich glaube weiterhin nicht an ein Ettiket \u201eNerd\u201c. Der Nerd in seinem urspr\u00fcnglichen Sinne war frei. Er war ungebunden von dem, was man von ihm erwartete. Er k\u00e4mpfte gegen den gesellschaftlichen Druck an, weil er musste. Genau aus dieser hart erk\u00e4mpften Freiheit entstanden unter all dem Chaos die weltver\u00e4ndernden Sachen, die von den Wanna-Be-Nerds heute so bewundert werden \u2013 und die letztlich dazu gef\u00fchrt haben, dass jetzt andere \u201elernen\u201c wollen, auch so zu sein. Was folgt ist heute manchmal ein Blick, der mehr in die Vergangenheit gerichtet ist als nach vorne. Ich ertappe mich nat\u00fcrlich auch selber dabei. Dabei h\u00e4tten wir uns fr\u00fcher keinen Deut um die Vergangenheit geschert. Viel wichtiger war die Begeisterung, sich neues zu \u00fcberlegen. Es gab kein Zur\u00fcckschauen und &#8222;lernen&#8220; &#8211; es gab nur: &#8222;machen&#8220;.<\/p>\n<p>Die, welche sich heute fette Hornbrillen aufsetzen, B\u00fccher \u00fcber Computerspielentwicklung reinziehen, als Hobby Meme-Grafiken erstellen und auf Facebook posten und trotzdem \u00fcber jeden neusten Nerd-Fashion-Trend Bescheid wissen, sind f\u00fcr mich keine Nerds. Sie laufen nur einem schleichend aufgebautem Ideal eines Pseudo-(Sexy)-Nerds nach. Der wahre Nerd dachte immer out-of-the-box. F\u00fcr uns gab es in den 80ern und 90ern ja auch keine fein vor-definierten Computerspielgenres, Gameplay-Mechanik-Regeln oder gar Ettikete. Wir replizierten nicht, wir kreierten. Wir waren Erfinder, keine Geeks.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/blog.coaster.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/outofthebox.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-28367\" title=\"outofthebox\" src=\"http:\/\/blog.coaster.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/outofthebox.jpg\" alt=\"\" width=\"374\" height=\"340\" srcset=\"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/outofthebox.jpg 374w, https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/outofthebox-300x273.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 374px) 100vw, 374px\" \/><\/a><em>Out of the Box (Foto: Clemens)<\/em><\/p>\n<p>Wir waren verr\u00fcckt, krank, bipolar, geistesgest\u00f6rt, vereinsamt, introvertiert, exzentrisch, rebellisch oder authistisch. Nur deswegen waren wir Nerds. Keine Ausbildung war die Grundlage unseres Schaffens. Selbst zu denken, man selbst zu sein (da man damals ohnehin niemanden kannte, der \u00e4hnlich war), sich eben irgendwann keine Gedanken mehr dar\u00fcber zu machen, was andere von einem denken \u2013eine F\u00e4higkeit, die viele von uns bereits in j\u00fcngsten Jahren erreichen mussten- diese sozialen Kompetenzen bef\u00e4higten uns dazu, ganze Genres zu entwickeln, Hacker zu werden, Datennetze zu erdenken und Chiptechnologie zu entwerfen. Und ja \u2013 manchmal geht mir diese Freiheit des Denkens ohne Grenzen ab.<\/p>\n<p>Bin ich einfach nur griesgr\u00e4mig geworden? Vor dem gro\u00dfen Nerd-Mainstream laufe ich ohnehin einfach weiter davon \u2013 genauso wie ich damals vom Yuppie-Mainstream in die Computerwelt gelaufen bin. Mir f\u00e4llt jetzt bereits auf, dass mir die Computerspiel-Entwicklung weniger Spa\u00df macht als die Special-Interest-Produkte, die ich mache. Ich f\u00fcr meinen Teil kann gar nicht anders. In die Computerspiel-Entwicklung bin ich ja quasi nur durch eben diese Vergangenheit reingerutscht. Ich hatte nie bewusst den Beschlu\u00df gefasst, Games zu machen \u2013 geschweige denn \u201eNerd\u201c zu sein. Und mich w\u00fcrde es nicht wundern, wenn ich von dort jetzt einfach weiterrutsche. Denn recht bewusst hatte ich daf\u00fcr das Thema Haptik und Non-Virtual-Reality w\u00e4hrend meines Studiums wieder in mein Interessensportfolio geschoben.<\/p>\n<p>Manchmal w\u00fcnsche ich mir aber trotzdem etwas mehr freigeistiges Denken zur\u00fcck \u2013 denn es w\u00e4re schon recht schade, wenn genau diese Freigeister durch die schleichend eingef\u00fchrten Nerd- und Geek-Konventionen sich in ihrem Bereich zunehmend weniger heimisch f\u00fchlen. Sie werden ein neues \u201ewahres\u201c Nerd-Zuhause finden, soviel steht fest. Aber das, was sie bislang in der IT-Branche vorangetrieben haben, w\u00fcrde von nun an auf der Stelle treten. Ich bin mir nicht sicher, ob wir es jetzt schon soweit kommen lassen sollten. Ich f\u00fcr meinen Teil habe jedenfalls festgestellt, dass ich es gar nicht mehr so schlimm finden w\u00fcrde, nicht mehr Teil der \u201eNerd\u201c-Community um mich herum zu sein \u2013 sondern weiterhin halt einfach \u201eanders\u201c zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a class=\"thickbox\" title=\"ScanImage013.jpg\" href=\"http:\/\/lh4.ggpht.com\/-8xRD6I9kfLM\/S0Dr5Km37sI\/AAAAAAAABio\/pV1EazABLbQ\/w1024\/ScanImage013.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"ScanImage013.jpg\" src=\"http:\/\/blog.coaster.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/ScanImage013.jpg\" alt=\"ScanImage013.jpg\" width=\"350\" \/><\/a><em>\u00a0(Fr\u00fcher Basti)<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">(Ich verspreche: Die n\u00e4chsten 7 Blogposts bleiben wieder rantfrei!)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als wir die Computerkids der 80er waren, war uns der Ausdruck \u201eNerd\u201c noch v\u00f6llig unbekannt. 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