{"id":26933,"date":"2013-10-11T20:30:44","date_gmt":"2013-10-11T18:30:44","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.coaster.de\/wp\/?p=26933"},"modified":"2013-10-11T20:30:44","modified_gmt":"2013-10-11T18:30:44","slug":"the-act-of-killing-deutschlandpremiere-qa-mit-christine-cynn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/film-kultur\/the-act-of-killing-deutschlandpremiere-qa-mit-christine-cynn\/","title":{"rendered":"The Act of Killing &#8211; Deutschlandpremiere inkl. Q&#038;A mit Christine Cynn"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" title=\"The Act of Killing\" src=\"http:\/\/blog.coaster.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/The_Act_of_Killing_2012_film.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"317\" \/>Einige von uns mussten unweigerlich an die N\u00fcrnberger Prozesse denken, als wir gestern der Director&#8217;s-Cut-Premiere des Films &#8222;<strong>The Act of Killing<\/strong>&#8220; beiwohnten: An die Szenen, wo Nazis ihre schlimmsten Verbrechen relativierten &#8211; im festen Glauben, doch das richtige getan zu haben. Und als ich mich vor einiger Zeit mit der Holocaust-Leugnung besch\u00e4ftigt hatte, fand ich das kollektive Unbewusstsein einer ganzen Bev\u00f6lkerung \u00fcber offensichtlich vor den eigenen Augen begangener Taten f\u00fcr das ohne Zweifel interessanteste Ph\u00e4nomen.<\/p>\n<p>Oder anders gesagt: Dass der Mensch \u00fcber traumatisierende Ereignisse, passendes Rechtfertigungsumfeld (und vielleicht nur ganz selten durch eine soziopathische Auspr\u00e4gung) in der Lage ist, sich alles zu rechtfertigen &#8211; auch die schlimmsten Taten. Und wenn die Wahrheit dann doch hochkommt, dann schluckt es bei Bedarf auch ein ganzes Land wieder runter und tut so, als w\u00e4re nichts gewesen. In &#8222;The Act of Killing&#8220; geht es genau um das &#8211; und doch um noch soviel mehr.<\/p>\n<p>&#8222;The Act of Killing&#8220; ist ein Dokumentarfilm, der die Killer eines Genozidkommoandos in Indonesien zur Rede stellt. Dort hat man 1965 \u00fcber eine Millionen Regimegegner nach einem Milit\u00e4rputsch systematisch ermodert. Im Gegensatz zu F\u00e4llen wie in Nazi-Deutschland wurden die M\u00f6rder aber nie zur Rechenschaft gezogen. Noch heute ist es nahezu unm\u00f6glich, \u00dcberlebende von damals zu befragen &#8211; das Milit\u00e4r h\u00e4lt die Wahrheit durch Repressalien, Zensur und Propaganda fest im W\u00fcrgegriff.<\/p>\n<p>Im Dokumentarfilm sprechen die filmbegeisterten Killer, die in ihrem Land als Helden gefeiert werden, aber nicht nur schamlos \u00fcber die Morde, sie stimmen auch der Idee zu, ihre Geschichte als actiongeladenes Mafia-, Horror- und Westerndrama zu verfilmen. Was dann folgt ist ein &#8222;Film im Film&#8220;, der alles bislang dokumentarisch Dagewesene in den Schatten stellt.<\/p>\n<p>Beschreiben kann man die &#8222;Act of Killing&#8220; vielleicht nur so: Wenn die Nazis gewonnen h\u00e4tten, w\u00e4re er sinnbildlich ein glorifizierter Actionstreifen \u00fcber die Vergasung und Ermordung tausender Juden &#8211; mit Himmler und G\u00f6ring in der Hauptrolle, und Adolf Hitler als Gaststar. Und die Opfer selbst werden gespielt von echten Juden. &#8222;Act of Killing&#8220; zeigt genau das &#8211; nur \u00fcber den indonesischen Genozid.<\/p>\n<p>Das macht den Film zu einer schwer verdaulichen, ganz pers\u00f6nlichen Reise. Er hinterfragt nicht nur das historische Ereignis und die Grausamkeit menschlicher Natur, er hinterfragt auch das eigene Ich, die eigenen Sehgewohnheiten, die eigene konstruktivistische Sichtweise von Moral und Gerechtigkeit. Er hinterfragt Indonesien genauso wie Guantanmo, die Propaganda des indonesischen Milit\u00e4rregimes genauso wie das Actionkino der westlichen Pseudodemokratien. Den ganzen Film \u00fcber muss man sich immer wieder und wieder vor Augen halten, dass die gezeigten Szenen keine rein fiktiven Filmszenen sind, dass die gezeigten M\u00f6rder echte M\u00f6rder sind und dass man selbst Teil dieses selbstreflexiven L\u00e4uterungsprojektes wird &#8211; das am Schlu\u00df viel mehr wird, als ein einfacher Dokumentarfilm.<\/p>\n<p>Noch nie war mir w\u00e4hrend eines Kinobesuchs so schlecht wie hier. &#8222;The Act of Killing&#8220; ist qualvolles Kino. Eine Tour de Force. Klassisches Terrorkino. Nur in echt. Es legt immer und immer wieder eine Schippe drauf, baut eine &#8222;What-the-Fuck&#8220;-Szene nach der anderen ein und h\u00f6rt irgendwo ganz kurz vor dem &#8222;Snuff&#8220;-Gef\u00fchl auf. \u00a0Und als das Publikum im Kinosaal nach rund 120 Minuten gef\u00fchlt bereits ersch\u00f6pft am Boden liegt, schl\u00e4gt &#8222;The Act of Killing&#8220; einfach noch weitere 30 Minuten auf die wehrlosen Zuschauer ein, die am Schlu\u00df sprachlos zur\u00fcck bleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><iframe loading=\"lazy\" src=\"\/\/www.youtube.com\/embed\/jWtPjhyOX1U?rel=0\" frameborder=\"0\" width=\"560\" height=\"420\"><\/iframe><br \/>\n<em>(\u00c4u\u00dferst sehenswertes Q&amp;A mit Christine Cynn ca. ab Minute 15:50!)<\/em><\/p>\n<p>Eine 30-min\u00fctige Q&amp;A-Session mit Co-Regisseurin Christine Cynn wirkt wie eine erste Therapie-Sitzung und erm\u00f6glicht es, Einiges des Gezeigten in Relation zu setzen. Und so langsam erwacht man aus der Totenstarre zur\u00fcck und begreift: &#8222;The Act of Killing&#8220; ist mehr als Dokumentarfilm. Es ist m\u00f6glicherweise Indonesiens ganz eigener &#8222;N\u00fcrnberger Prozess&#8220;. Bei der Bev\u00f6lkerung hat der Film -der durch die Regierung verboten ist, aber \u00fcber das Internet verbreitet wird- eine lang \u00fcberf\u00e4llige Debatte ausgel\u00f6st.<\/p>\n<p>Dass ein kleines, mutiges Dokumentarfilmteam mit einigen cleveren -wenn auch vielleicht nicht immer ganz fairen- Kniffen, mit wenig Geld und wenig Personal am Ende so ein historisches Ereignis provoziert, ist vermutlich am Ende die sch\u00f6nste Botschaft. Sie zeigt nicht nur, dass wenige Menschen Gro\u00dfes bewegen k\u00f6nnen, sie beweist zudem, dass auch mutiges Filmemachen noch etwas bewegt. Und so gibt &#8222;The Act of Killing&#8220; trotz seines schwierigen Themas, seiner L\u00e4ngen, seiner zwangsweise &#8222;Unkonsumierbarkeit&#8220; und seiner direkten Grausamkeit vielleicht am Ende sogar mehr Kinomagie zur\u00fcck, als sie einem durch die &#8222;vergewaltigten&#8220; Szenen westlicher Kino-Sehgewohnheit geraubt hat. Und \u00fcber alldem gibt sie mir vor allen den Glauben an relevantes, gutes Kino zur\u00fcck &#8211; dass mich bewegt, besch\u00e4ftigt und ber\u00fchrt.<\/p>\n<p>Kein Film, den ich nochmal sehen will. Aber ein Film, der die f\u00fcr November geplante deutsche Kinoauswertung verdient hat. F\u00fcr die Allgemeinheit wird die Fassung dort zwar um 30 Minuten auf ein &#8222;verdaulicheres&#8220; Ma\u00df geschnitten &#8211; ich bin aber \u00fcberzeugt, dass selbst diese Version meiner pers\u00f6nlichen Reise durch die Abgr\u00fcnde der Menschheit in wenig nachstehen wird. Ein ganz klarer &#8222;Daumen hoch&#8220; f\u00fcr alle, die sich auch nur halbwegs f\u00fcr Dokumentarfilm begeistern k\u00f6nnen. Die L\u00e4nge des Applauses am Ende des oben verlinkten Videos spricht hoffentlich f\u00fcr sich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einige von uns mussten unweigerlich an die N\u00fcrnberger Prozesse denken, als wir gestern der Director&#8217;s-Cut-Premiere des Films &#8222;The Act of&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-26933","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-film-kultur"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26933","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=26933"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26933\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=26933"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=26933"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=26933"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}