{"id":24800,"date":"2013-01-22T00:09:53","date_gmt":"2013-01-21T23:09:53","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.coaster.de\/wp\/?p=24800"},"modified":"2013-01-22T00:09:53","modified_gmt":"2013-01-21T23:09:53","slug":"zwischen-den-zeilen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/gesellschaft\/zwischen-den-zeilen\/","title":{"rendered":"Zwischen den Zeilen"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" title=\"Paris\" src=\"http:\/\/blog.coaster.de\/wp\/wp-content\/uploads\/P1090481.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/>Bei meiner Disneyland-Tour im Februar erlebe ich buchungstechnisch wirklich die volle G\u00fcte franz\u00f6sische Organisationskunst. Nicht, dass ich das nicht erwartet h\u00e4tte \u2013 aber den Kopf sch\u00fcttele ich trotzdem immer wieder. Ein ganz simples Beispiel eines wochenlangen Mailverkehrs f\u00fcr eine Sache, die man woanders in 3 Minuten erledigt h\u00e4tte:<\/p>\n<p>Man wartet seit Monaten auf die postalische Lieferung eines TGV-Tickets.<\/p>\n<p>Nach 5 Wochen schreibt man den Support an. Der sagt mir erst mal, dass ich mich dar\u00fcber sorge, dass ein TGV Ticket nicht ankam. \u00c4h&#8230; ja? Vermutlich will mir die Mitarbeiterin damit nur suggerieren, dass sie mich verstanden hat. Danach hei\u00dft es einfach, ich soll mich nicht sorgen. Oooookay? Wird schon irgendwann kommen.<\/p>\n<p>Danke. Wir brauchen das Ticket eigentlich recht dringend, da wir am Flughafen nicht unbegrenzt Aufenthalt haben und uns nicht am SNCF-Schalter \u00fcber den Nichterhalt eines Tickets unterhalten wollen.<\/p>\n<p>8 Wochen sp\u00e4ter. Ich hake zum dritten Mal nach. Immerhin: Die Antwort wird bei jedem Nachhaken um Milimeter-Errungenschaften klarer: Die Tickets sind nicht namensgebunden. Vermutlich will man mir damit sagen, dass sie mir kein zweites auf ihre Kosten hinterherschicken wollen. Darauf meine Frage, ob man das Ticket nicht stornieren und ein neues zuschicken k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Antwort ein paar Tage sp\u00e4ter: Klar kann man das stornieren. Soll ich einfach anfordern. Dann krieg ich das Geld zur\u00fcck und kann mir ja einfach ein neues bestellen.<\/p>\n<p>\u00c4h, ja. Eigentlich genau das, was ich seit Wochen erreichen m\u00f6chte? Der Satz f\u00e4llt quasi nebenbei \u2013 sinngem\u00e4\u00df: \u201eMach halt, wenn du meinst.\u201c \u2013 aber nat\u00fcrlich ohne auf zig mal pers\u00f6nliche Anrede zu verzichten. &#8222;Lieber Herr, sehr geehrter Herr, Hochachtungsvoll&#8230;&#8220;. F\u00f6rmlichkeit und gef\u00fchlte Arroganz in einer Mail \u2013 das schaffen irgendwie nur Franzosen so.<\/p>\n<p>Also storniere ich online und buche neu.<\/p>\n<p>Ergebnis von immer noch der gleichen Mitarbeiterin: Ja, die Stornierung ist akzeptiert. Um das Geld zur\u00fcck zu erhalten, muss ich jetzt das Ticket aber zur\u00fcckschicken. \u00c4h, hallo? Geht\u2019s noch? Was f\u00fcr ein Deadlock soll nun das werden?<\/p>\n<p>Also wieder eine Mail an den Support. Irgendwann habe ich sie dann so weit, dass sie mir tats\u00e4chlich schreibt, ich solle einfach einen Brief nach Belgien schreiben, dass ich eben kein Ticket erhalten habe \u2013 wird dann schon irgendwie klappen. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie genervt mein Gegen\u00fcber zu diesem Zeitpunkt bereits von meiner Qu\u00e4ngelei war. Warum man diesen Prozess aber nicht einfach abk\u00fcrzen konnte, ist mir ein R\u00e4tsel. Nicht mal ein Formular hat TGV f\u00fcr diesen Fall. Ich darf also einen richtigen Brief an den Support schreiben. Ich glaube, ich drucke ihn auf Bl\u00fcmchenpapier. Vielleicht ist es auch einfach nur bewusstes M\u00fcrbe machen.<\/p>\n<p>Ich sage ja immer, die franz\u00f6sische Sprache ist eine weibliche Sprache. Rund, flie\u00dfend, ohne deutliche Worttrennung, wie ein Flu\u00df &#8211; ohne Struktur.<\/p>\n<p>Bei Frauen muss man zwischen den Zeilen lesen. Eine klare Aussage gibt&#8217;s nie. Alles wird einem durch die Blume gesagt. Ich glaube, beim Gesch\u00e4ftsverkehr mit Franzosen ist es ganz genauso. Ich habe den Grund daf\u00fcr bei Frauen schon nie verstanden und genausowenig, ach, noch weniger!, verstehe ich ihn beim Gesch\u00e4ftsverkehr \u2013 wo ich es nun schon vom Support wie hier bis zur Projektplanung hin so erlebt habe.<\/p>\n<p>Das m\u00f6gen die einen als k\u00fcnstlerische oder soziale Kompetenz auslegen, die anderen als schlichte Formalit\u00e4t oder gar als Tugend \u2013 aber, ohne in irgendeiner Form rassistisch klingen zu wollen, ich komme mit meiner Liebe zum klar Umrissenen damit echt in keinster Weise klar. Ich f\u00fchle mich die ganze Zeit hinters Licht gef\u00fchrt, bin jedem Franzosen gegen\u00fcber mi\u00dftrauisch (was mich ja selbst \u00e4rgert), weil ich das Gef\u00fchl habe, er sagt mir nicht die Wahrheit \u2013 nein, das stimmt vielleicht gar nicht: Weil ich das Gef\u00fchl habe, die Wahrheit zwischen den Zeilen nicht zu verstehen.<\/p>\n<p>Zugegeben: Wenn ich mit Franzosen mal was trinken war und wir uns nicht mehr \u00fcber das Gesch\u00e4ft, sondern das Leben unterhalten haben, hatte ich pl\u00f6tzlich Zugang. Aber ich glaube, das gilt am Ende vermutlich f\u00fcr alle Menschen. Und au\u00dferdem: So verworren wie Franzosen ticken, so klar-unfreundlich d\u00fcrften so einige Deutsche auf Ausl\u00e4nder wirken. Nur mir ist ein deutlich unfreundlicher M\u00fcnchner U-Bahn-Schaffner immer noch lieber als ein dauernd-zu-interpretierendes Gespr\u00e4ch mit einem f\u00fcr mich nur scheinbar freundlichen Pariser Ober. Bei ersterem wei\u00df ich, woran ich bin.<\/p>\n<p>Eigentlich ist das schade und manchmal frage ich mich, ob ich mich nicht einfach bem\u00fchen sollte, solche Interpretationen zu erlernen. Dann komme ich aber wieder schnell davon ab: Welchen Sinn hat es denn? Warum auf Glatteis begeben? Ich liebe die Klarheit. Sie ist nicht angreifbar. Wenn ich damit weiterhin Frankreich (und einen gef\u00fchlten Gro\u00dfteil an Frauen) eben nicht verstehe, dann c\u2019est la vie! Ich mag Paris trotzdem!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei meiner Disneyland-Tour im Februar erlebe ich buchungstechnisch wirklich die volle G\u00fcte franz\u00f6sische Organisationskunst. 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