{"id":23235,"date":"2012-08-11T00:01:19","date_gmt":"2012-08-10T22:01:19","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.coaster.de\/wp\/?p=23235"},"modified":"2012-08-11T00:01:19","modified_gmt":"2012-08-10T22:01:19","slug":"gamescom-von-convention-zu-commercial","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/artikel\/gamescom-von-convention-zu-commercial\/","title":{"rendered":"gamescom &#8211; von Convention zu Commercial"},"content":{"rendered":"<p>Am Dienstag geht es wieder nach K\u00f6ln. Europas gr\u00f6\u00dfte Spielemesse &#8222;gamescom&#8220; steht an. Ich selbst bin hoffnungslos \u00fcberplant und \u00fcberlastet, so dass ich ernsthaft erw\u00e4ge, n\u00e4chstes Jahr bei dem Event endlich einmal, nach immerhin 8 Jahren ohne Unterbrechung, zu pausieren. Auf Dauer ist die Doppelbelastung durch mehrere Projekte und Arbeitgeber dann doch ein wenig nerv-, aber vor allen Dingen zeitraubend. Der Schlaf ist schon seit zwei Wochen auf weniger als 5 Stunden reduziert, um irgendwie vorw\u00e4rts zu kommen. Und am Montag steht ja auch noch unsere <a href=\"http:\/\/blog.coaster.de\/wp\/?event=achte-auf-den-schwarzen-wolf-auf-den-spuren-von-baron-von-glower\">Bergwanderung<\/a> an, die ich Gott sei Dank schon im Juni durchgeplant hatte.<\/p>\n<p>Vor kurzem wurde mir bewusst, dass neben den gesundheitlichen Einschr\u00e4nkungen, die ich zum zweiten Mal in Folge durch die Messe auch k\u00f6rperlich deutlich zu sp\u00fcren bekomme, der ganze Aufwand f\u00fcr mich immer weniger in einem wirklichen Verh\u00e4ltnis zur Freude an der Spielemesse stehen. Beim Nachdenken sind mir diese Zeilen ausgerutscht, die ich diese Woche im &#8222;Querschl\u00e4ger&#8220; bei <a href=\"https:\/\/www.adventure-treff.de\/artikel\/volltreffer.php?id=27\">Adventure-Treff.de ver\u00f6ffentlicht<\/a> hatte:<\/p>\n<blockquote><p>Wenn ich an die letzten beiden Games Conventions in Leipzig denke, wird mir warm ums Herz. Damals waren die weitl\u00e4ufigen und offenen Messehallen gepr\u00e4gt von Aufbruchstimmung und ausgelassenem Optimismus. dtp brachte Jane Jensen, Noah Falstein und Hal Barwood nach Deutschland. Daedalic startete als reiner Adventure-Publisher und \u2013Entwickler seine Karriere. Das Caf\u00e9 R\u00f6tha war wie immer ein gastronomischer H\u00f6hepunkt. Tim Schafer hielt auf der Entwicklerkonferenz eine geniale Keynote \u2013 und wir waren mittendrin mit einer mickrigen Kamera unterwegs und interviewten die Games-Branche.<\/p>\n<p>Das mehrst\u00fcndige Ergebnis in Handyfilm-Niveau war so dilettantisch und gleichzeitig so anarchisch-komisch, dass die Videos nicht nur auf dem Treff sondern sp\u00e4ter sogar bei einem gro\u00dfen Online-H\u00e4ndler als DVD verf\u00fcgbar waren. Die ersten Gehversuche waren anstrengend und spa\u00dfig zugleich und sie z\u00e4hlen f\u00fcr mich immer noch zur besten Video-Coverage, dass der Treff jemals von einer Messe gemacht hat. Es war ein Zeugnis, dass es bei der Games Convention nicht um reine Professionalit\u00e4t und Politik ging \u2013 es ging darum, spannende Leute in ausgelassener Atmosph\u00e4re zu treffen und sich und seine Ideen auszutauschen. Es ging darum, gemeinsam die Games nach vorne zu bringen. Auf dem Messegel\u00e4nde, in der Innenstadt, im Barfu\u00dfg\u00e4\u00dfchen. Es ist ein immer noch viel zitiertes Klischee, dass ganz Leipzig die Messe lebte. Ein Klischee, das wahrer nicht sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Als dann die Messe unter Druck des BIU nach K\u00f6ln \u201eumzog\u201c verlor sie nicht nur den Games-Standort Leipzig. Sie verlor auch das Wort \u201eConvention\u201c. Ersetzt wurde es mit \u201ecom\u201c. Die koelnmesse sprach von \u201ecom\u201c f\u00fcr \u201ecommunity\u201c. G\u00e4ngiger ist die Abk\u00fcrzung wohl eher als \u201e.com\u201c f\u00fcr \u201ecommercial\u201c.<\/p>\n<p>\u201eIrgendetwas hat die Messe verloren\u201c, sagte uns Adventure-Autor Steve Ince in einem Gespr\u00e4ch auf der ersten gamescom im Jahr 2009 in K\u00f6ln. \u201eSie ist irgendwie k\u00e4lter geworden.\u201c Ich habe die Messen aus praktisch jeder Perspektive erlebt. Einmal als reiner Privatbesucher, zweimal als Publisher, zweimal als Entwickler und, ja, sogar einmal als eine Art m\u00e4nnliche Messehostess (hust). Und jedes Jahr war ich immer auch noch als Redakteur f\u00fcr Adventure-Treff.de mit von der Partie. Dabei bleibt mir der Vergleich als Publisher am st\u00e4rksten in Erinnerung, habe ich hier doch den Prozess der letzten Games Convention und der ersten gamescom von Aufbau bis Abbau miterlebt.<\/p>\n<p>Die Ankunft in K\u00f6ln war f\u00fcr mich relativ schockierend. Aufbau noch nicht fertig? Egal! Wir sperren hier um acht zu. Strom nicht bezahlt? Tja, Pech gehabt. Dann ist dein Licht aus. Sie wollen mit einem Character durch die Hallen ziehen? Das wird aber teuer! Sicher, die Messeleitung hat durchaus auch gute Leistungen erbracht. Die Betreuung der Journalisten war beispielsweise vorbildlich, wenn nicht sogar besser als in Leipzig. Aber eines waren wir in K\u00f6ln eben irgendwie nicht: willkommen.<\/p>\n<p>Zumindest nicht im Vergleich zu Leipzig, wo die Mitarbeiter uns sogar beim Aufbau der Messe geholfen hatten. Kein Zweifel: Die ersten gamescoms waren durchaus ein Erfolg. Die Besucherzahlen waren enorm, die Press-Coverage gut und nat\u00fcrlich war die Anbindung f\u00fcr einige internationale G\u00e4ste leichter. Nichtsdestotrotz hat die Messe \u00fcber die letzten Jahre zunehmend an etwas verloren: An der positiven Stimmung.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr mache ich jetzt gar nicht die Messeveranstalter verantwortlich. Bei ihnen merkt man eigentlich nur, dass sie im Gro\u00dfen und Ganzen halt nicht so wirklich Ahnung von Spielekultur haben. Wo Leipzig ein klassisches Konzert mit Spielemusik organisierte, lie\u00df K\u00f6ln bereits im ersten Jahr die Toten Hosen auftreten. Von der Krake als Logomaskottchen ganz zu schweigen. In K\u00f6ln sollten Party, L\u00e4rm und leidlich gut organiserte Cosplay-Events \u00fcber das Fehlen spielkulturellen Verst\u00e4ndnisses hinwegt\u00e4uschen. Der v\u00f6llig uninspirierte Claim der Messe \u201eCelebrate the Games\u201c spricht B\u00e4nde. Dass die Messeleitung es nach drei Jahren aber nicht geschafft hat, zumindest ansatzweise einen kulturellen Aspekt der Computerspiele zu verinnerlichen und nach au\u00dfen zu transportieren, ist ihr ganz allein zuzuschreiben. M\u00f6glicherweise befinden sich einfach zu wenig Zocker in den eigenen Reihen oder sie haben sich einfach zu lange auf der aus Leipzig m\u00fchevoll aufgebauten Arbeit ausgeruht und hielten die Veranstaltung f\u00fcr einen Selbstl\u00e4ufer. Die Absagen von Gr\u00f6\u00dfen wie Microsoft oder Nintendo sind Zeichen dieser Entwicklung. Wer wirklich glaubt, diese Dinosaurier sind tats\u00e4chlich nur nicht dabei, weil sie nichts zu zeigen haben (oder die gamescom nicht in ihre \u201ePR-Zeitplanung\u201c passt), der verkennt v\u00f6llig das Messegesch\u00e4ft.<\/p>\n<p>Nein, die Branche besucht die Messe nicht mehr, weil sie zu beliebig geworden ist. Nur wenn die gamescom einen kulturell so hohen Stellenwert hat, dass es DIE Games-Messe ist, dass es sich kein Anbieter leisten kann, dort zu fehlen, wenn die PR-Planung sich an der Messe ausrichtet und nicht umgekehrt \u2013 nur dann ist eine Messe \u00fcberlebensf\u00e4hig. Die gamescom hat sich zu einem \u201ecom-mercial spot\u201c entwickelt. Einem \u00fcberteuerten Verkaufspflaster f\u00fcr Anbieter \u2013 in das sie sich einbuchen k\u00f6nnen oder eben nicht. Der gamescom fehlt eines: Das gemeinschaftliche Ziehen an einem Strang. Das Beisammensein. Die Convention.<\/p>\n<p>Nochmal: Die Messeleitung kann es vermutlich nicht besser. Damit habe ich mich schon angefreundet. Was mich an dem Aspekt der schlechten Stimmung mehr st\u00f6rt sind aus journalistischer Sicht tats\u00e4chlich mittlerweile auch die Aussteller selbst. Mir ist auch klar, dass durch die krisengesch\u00fcttelten Jahre die Lockerheit einiger Publisher gelitten hat. Auch verstehe ich, dass zum Beispiel die hohen Standmieten, die unorganisierte Gastronomie oder die erdr\u00fcckende Business-Halle auf das eigene Wohlbefinden dr\u00fcckt. Aber ich sag\u2019s ganz offen: Auch ihr tragt einen Teil dazu bei, dass es mir immer weniger Spa\u00df macht, von der Messe \u00fcber Euch zu berichten.<\/p>\n<p>Auf meiner Festplatte schlummern noch mehrere Stunden Film- und Tonmaterial Eurer Produkte der gamescom 2011. Interviews, Pr\u00e4sentationen, Bl\u00f6deleien. Diesmal sogar in HD-Qualit\u00e4t. Ich habe am Ende fast nichts davon ver\u00f6ffentlicht. Tats\u00e4chlich ist unsere gamescom-Coverage von 2011 trotz gro\u00dfem Team und professionellem Equipment ein ziemlich Deasaster gewesen. Warum?<\/p>\n<p>Nun, einige aufmerksame Leser haben mitbekommen, dass ein paar Videoausschnitte kurzzeitig sogar tats\u00e4chlich mal online waren \u2013 und dann wieder verschwinden mussten. Es ist normal, dass man als Redakteur irgendwo auch mit dem PR-Verantwortlichen der Publisher und Entwickler kooperiert. Es geh\u00f6rt zum guten Ton, dass man sich an Ver\u00f6ffentlichungstermine h\u00e4lt und Informationen unter vorgehaltener Hand nicht herausposaunt. Es geh\u00f6rt aber auch zum guten Ton, dass Journalisten ihrer unabh\u00e4ngigen Berichterstattung nachgehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Im letzten Jahr war f\u00fcr mich hier das Ma\u00df voll. Da fragt man die eine Person, ob man Videoaufnahmen machen d\u00fcrfe und erh\u00e4lt ein enthusiastisches \u201eJa, klar!\u201c, nur um dann am Abend von seinem Partner einen bitterb\u00f6sen Anschiss via Telefon zu erhalten, dass das ja gar nicht ausgemacht sei. Da dr\u00fcckt uns der Entwickler Screenshots in die Hand, die wir ein paar Stunden sp\u00e4ter wieder vom Netz nehmen m\u00fcssen. Der n\u00e4chste wiederum regt sich auf, dass auf einem Video im Hintergrund ein Poster eines noch nicht ver\u00f6ffentlichten Produktes zu sehen ist. Die Liste war 2011 schier endlos. Am meisten st\u00f6rt mich dabei die beleidigte Art so mancher Mitarbeiter. Ein r\u00fcgendes (und meist schlicht unwahres) &#8222;das war aber nicht abgemacht&#8220; ist da praktisch an der Tagesordnung. Am liebsten sind mir dann noch die SMS-Nachrichten, in denen mir mitgeteilt wird, dass man mir jetzt aber auch \u201enicht b\u00f6se\u201c ist, dass ich es ver\u00f6ffentlicht habe.<\/p>\n<p>Geht\u2019s noch? Fr\u00fcher habt ihr Euch darum gerissen, eine Videocoverage von Adventure-Treff zu kriegen. Heute muss ich selbst nach einer Einverst\u00e4ndniserkl\u00e4rung damit rechnen, dass ich das Video wieder vom Netz nehmen muss. Es ist nicht meine Aufgabe, die \u201ePublic-Relations-Richtlinien\u201c sauber zu kommunizieren. Es ist Eure und erz\u00e4hlt mir hier nichts anderes, denn ich bin in der Branche auch t\u00e4tig (und ja, auch im Bereich PR). Ich sitze bis sp\u00e4t in den fr\u00fchen Morgen und mit kaum Schlaf in meinem Hotelzimmer, \u00e4rgere mich nach einer schwei\u00dftreibenden, anstrengenden Messe mit Videoschnitt, Videoformaten und einer st\u00e4ndig zusammenbrechenden UMTS-Verbindung herum, um unseren Lesern Eure Produkte zu pr\u00e4sentieren. Am Ende ist alles umsonst. Das ist nicht nur Zensur, Einschnitt in die journalistische Berichterstattung und schlechte Pressearbeit \u2013 es ist auch schrecklich frustrierend.<\/p>\n<p>Glaubt ihr im Ernst, ihr kriegt eine bessere Berichterstattung, wenn ihr jeden einzelnen Bildausschnitt verbietet, aus Angst, er k\u00f6nnte falsch interpretiert werden? Glaubt ihr im Ernst, ein Beta-Screen richtet so viel Schaden an, dass keine Video-Berichterstattung besser ist als eine kontrollierte? Kommt schon! Nehmt Eure Nutzer ernst! Glaubt nicht, dass die nicht verstehen, was es bedeutet, wenn der Publisher seinen Schwanz einzieht. Fast erleichtert war ich hier \u00fcber die Anspielung eines gro\u00dfen polnischen Publishers, der an seinem Stand ein gro\u00dfes Plakat aufhing mit den Worten \u201eCameras allowed\u201c. Und ein Zwinkersmiley. Das Problem ist bekannt.<\/p>\n<p>Tut mir Leid, aber unter den Voraussetzungen erhaltet ihr von mir kein Video mehr. Es macht ja so auch einfach keinen Sinn. Das ist nicht nur schade f\u00fcr die Messe, die fr\u00fcher ein offenes, entspanntes und freundschaftliches Beisammensein war. Auf der Convention haben wir gemeinsam diskutiert, ihr habt Euch Feedback eingeholt, habt gemeinsam mit dem Publikum Eure Spiele verbessert. Alle haben verstanden, was das ist. Es war eine Kollaboration, eine Zusammenarbeit aus Entwicklern, Publishern, Besuchern und Journalisten. Es war auch das Grundkonzept der Messe Leipzig.<\/p>\n<p>Schon einmal \u00fcberlegt, warum Kickstarter derzeit so gro\u00dfe Erfolge bei Computerspielen hinlegt? Es ist genau dieser Grund.<\/p>\n<p>Es ist nicht nur schade f\u00fcr die Messe. Es ist auch schade f\u00fcr unsere Leser, die von der gamescom einfach auch weniger erhalten als fr\u00fcher. In K\u00f6ln habt ihr Euch von politischer Kleinkr\u00e4merei, Kl\u00fcngelei, Machtspielchen und einem generellen Gef\u00fchl der Ohnmacht und Panik einfangen lassen. Alles geht durch einen Filter. Seien es die Pressenachrichten der Messe selbst oder die Pressearbeit der Aussteller. Es ist mehr eine Show als eine Messe. Hauptsache mehr Besucher. Hauptsache gut nach au\u00dfen aussehen. Hauptsache wir versagen nicht gegen\u00fcber Leipzig. Es ist eine Games-Shopping-Mall, eingeengt in riesigen Betonbauten in einer der h\u00e4sslichsten Ecken K\u00f6lns. Dar\u00fcber kann auch das letzte Qu\u00e4ntchen open innovation auf der GDCEurope nicht hinwegt\u00e4uschen.<\/p>\n<p>Vielleicht sehe ich das aber auch alles nur falsch. Vielleicht bin ich einfach alt oder zu sarkastisch geworden. Oder die Games-Branche zu \u201eprofessionell\u201c, zu \u201epolitisch\u201c. Vielleicht geht mir ein Aspekt ab, den es ganz generell schon lange nicht mehr gibt. Aber bei einer Ansicht bleibe ich: Wenn sich die Messe nicht \u00e4ndert \u2013und mit ihr die Herangehensweise der Aussteller\u2013 dann sehe ich da nicht mehr viele Chancen \u2013 und zwar f\u00fcr Besucher wie f\u00fcr Aussteller und Journalisten. Ich habe jedes Jahr weniger Lust auf den falschen Narrenkappen-Zirkus. Die einzige Triebfeder, die mich noch nach K\u00f6ln treibt ist das Zusammentreffen mit Freunden, der Redaktion und unserer Community \u2013 die letzten Ausl\u00e4ufer einer freundlichen Convention eben, die es fr\u00fcher einmal gab.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" title=\"basti007\" src=\"http:\/\/blog.coaster.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/volltreffer_sig_basti007.gif\" alt=\"\" width=\"108\" height=\"45\" \/><\/p><\/blockquote>\n<p>\/p<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Dienstag geht es wieder nach K\u00f6ln. Europas gr\u00f6\u00dfte Spielemesse &#8222;gamescom&#8220; steht an. 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