{"id":11620,"date":"2011-02-22T19:00:49","date_gmt":"2011-02-22T18:00:49","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.coaster.de\/wp\/?p=11620"},"modified":"2011-02-22T19:00:49","modified_gmt":"2011-02-22T18:00:49","slug":"grosfamilie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gruen-wald.de\/wordpress\/privates\/grosfamilie\/","title":{"rendered":"Gro\u00dffamilie"},"content":{"rendered":"<p>\ufeff\ufeff\ufeff<a href=\"http:\/\/blog.coaster.de\/wp\/wp-content\/uploads\/stammbaum.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-11622\" title=\"stammbaum\" src=\"http:\/\/blog.coaster.de\/wp\/wp-content\/uploads\/stammbaum.jpg\" alt=\"\" width=\"100\" height=\"218\" \/><\/a>Ich hatte immer ein recht nat\u00fcrliches Verh\u00e4ltnis zum Tod. Einige Leute haben mir das als gef\u00fchlslos, wieder andere sogar als krankhaft ausgelegt. Ich habe ihn halt immer als etwas ganz Nat\u00fcrliches begriffen. Etwas, das alle Menschen gleich und damit menschlich macht. Ich habe schon wirklich viele Leute zu Grabe getragen und bin eigentlich relativ gut darin, das schnell als Fakt zu akzeptieren. Das ist es garnicht.<\/p>\n<p>Es ist etwas anderes. Eigentlich bin ich ja mit einer relativ gro\u00dfen Familie gesegnet. Aus dem Stammbaum meines Gro\u00dfvaters gibt es eine beachtliche Menge an Gro\u00dftanten, -onkeln, Basen oder Gro\u00dfcousins. Ich hab es immer als Privileg begriffen, wenn beispielsweis auf einem Geburtstagsfest meines Gro\u00dfvaters \u00fcber 100 Familienmitglieder aus ganz Deutschland angereist und freudestrahlend gemeinsam gefeiert haben. Ich kann zum Gl\u00fcck sagen, dass meine Familie mit relativ wenigen Streitereien oder gar Intrigen belastet ist. Ich hab das von anderen Seiten oder auch von einigen Stammbaumzweigen schon v\u00f6llig anders erlebt.<\/p>\n<p>Zu den wenigen Festlichkeiten, wo wir uns alle eingefunden haben, habe ich mich unter den vielen, mir h\u00e4ufig nur dem Gesicht nach bekannten Leuten, sofort herzlich empfangen gef\u00fchlt. Es brauchte keinerlei Worte, um uns gegenseitig klar zu machen: &#8218;Wir geh\u00f6ren zusammen. Wenn Du Hilfe brauchst, ich bin f\u00fcr dich da.&#8216; R\u00fcckwirkend betrachtet, bin ich erstaunt \u00fcber die Leistung meines Gro\u00dfvaters, diese Familienb\u00e4nder immer frisch und aktiv zu halten, sich um jeden Einzelnen zu k\u00fcmmern und daf\u00fcr zu sorgen, dass wir uns gegenseitig nicht aus den Augen verlieren. Etwas, dass ich nicht mal ansatzweise so leisten k\u00f6nnte. Er war ein wichtiger Knotenpunkt in unserer Verwandtschaft.<\/p>\n<p>Dass Verwandte sterben schmerzt mich nicht so sehr. Das geh\u00f6rt zum Leben. Dass mir immer mehr solcher wichtigen Knotenpunkte unter den Fingern wegrutschen und damit das Gef\u00fchl der Gro\u00dffamilie stirbt, schmerzt mich. &#8222;Wir sehen uns irgendwie nur noch zu Beerdigungen&#8220;, sagte mein Vater letztens zu mir w\u00e4hrend einer Autofahrt. Und er hat Recht. Der Tod f\u00fchlt sich f\u00fcr mich menschlich an. Der Verlust von Familie nicht.<\/p>\n<p>Mir ist bewusst, dass sich unsere moderne Zeit zum Individualismus hin bewegt. Ich lebe ja auch so. Und vielleicht ist das Alles ja wirklich nur eine ganz nat\u00fcrliche Evolution, welche die Familie, vor allem die gro\u00dffamili\u00e4ren B\u00e4nder, durch neu geschaffene Sicherheiten nach und nach \u00fcberfl\u00fcssig macht. Und vielleicht bin ich dann einfach nur schrecklich konservativ, wenn ich sage, dass mir dieser Verlust nicht gef\u00e4llt. Zumal ich noch in den Genu\u00df kam, den letzten Zipfel dieser Erfahrung mit zu erleben. Ich m\u00f6chte also behaupten, ich wei\u00df, wovon ich spreche.<\/p>\n<p>Und wenn ich mich ernsthaft zwischen dem Individualismus und der kollektiven Familie entscheiden m\u00fcsste, Himmel, ich w\u00fcrde mich ohne eine Sekunde zu z\u00f6gern auf diese eine Seite stellen. Nicht, dass ich jemals von den Vorteilen einer Gro\u00dffamilie profitiert h\u00e4tte. Ich war niemals von irgendeinem fremden Verwandten abh\u00e4ngig und bei Zusammenk\u00fcnften war ich f\u00fcr die Meisten vermutlich bestenfalls eine Randerscheinung. Mir geht es um das &#8222;Wir-Arbeiten-Miteinander-Nicht-Gegeneinander&#8220;, das Zusammengeh\u00f6rigkeits-Gef\u00fchl an sich, das eigene Interessen auch mal hinten anstellt, Arbeit, Freude und Leid teilt, ohne nachzudenken, ohne irgendein strategisches Papier in der Hinterhand zu haben, wie es sich heute bereits in die privatesten Lebenslagen selbst hineinzieht.<\/p>\n<p>Klar wird das Alles nur anhand einer simplen Blutlinie definiert, die wir Verwandtschaft nennen. Aber wenn ich zu den wenigen Zusammenk\u00fcnften noch einmal sehe, wie naiv, einfach, ehrlich und b\u00fcrgerlich meine \u00e4ltere Verwandtschaft sich als funktionierende Einheit sieht und daran w\u00e4chst &#8211; und dann h\u00f6re, wie meine Generation schon an den einfachsten Beziehungsfragen kl\u00e4glich versagt, sich selbst und andere betr\u00fcgt, taktiert, lametiert, kommt mir die Kotze hoch. Ich fass mich dazu leider auch an meine eigene Nase, weil sich auch meine Sozialisierungsf\u00e4higkeiten zur\u00fcckgebildet haben.<\/p>\n<p>Bei mir geht das Ganze vielleicht sogar einen Schritt weiter, weil ich mich mit diesem aktuellen Trend schon so wenig identifizieren kann, dass ich mich selbst arrangiere und meine Erwartungshaltung auf das was kommt gegen Null fahre. Ich genie\u00dfe immer noch das, was kommt &#8211; aber ich wei\u00df, das etwas fehlt, und dass ich nicht mehr darauf bauen kann: Vor einiger Zeit habe ich entsetzt festgestellt, dass die einzige Konstante, die Dir im Leben bleibt, deine festen Freunde sind. Fr\u00fcher hat man alles seinem Ehepartner erz\u00e4hlt und damit seine Last geteilt. Wie soll das heute noch funktionieren, wenn man realisiert, dass einem zwar die besten Freunde bleiben, nicht aber mal die eigenen Beziehungen?<\/p>\n<p>In der Konsequenz wird es auch immer schwieriger, daraus Familien zu entwickeln. Mein Gro\u00dfvater hatte zu den Festlichkeiten noch knapp 100 Verwandte auf seiner Liste &#8211; und das von 9 bis 90 Jahren. Das fand ich unique. Unsere Generation feiert, \u00fcberspitzt gesagt, gerade mal noch eben jenen besten Freunden und vielleicht mit dem aktuellen Lebensgef\u00e4hrten, der dann beim n\u00e4chsten Mal schon wieder ganz anders aussieht. Und ich hab schon Leute erlebt, bei denen die Beziehung erstmal in die Br\u00fcche gehen musste, damit Kommunikation entsteht. So paradox kann&#8217;s werden.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht. Wenn ich zwischen den Welten pendele, f\u00fchlt sich meine Generation f\u00fcr mich einfach falsch an. Ich bin relativ gut darin, Sachen so zu akzeptieren, wie sie sind und mache in der Konsequenz halt erst Mal wenig bis nichts, so lange ich keine Chancen sehe. Ich werde auch nicht mal ansatzweise in der Lage sein, Teile meiner Gro\u00dffamilie irgendwie am Laufen zu halten, so wie wir uns das bei jedem erneuten Traueranlass gegenseitig gebetsm\u00fchlenartig vorreden und so wie es mein Gro\u00dfvater galant konnte. Aber sollte mir dennoch irgendwann die M\u00f6glichkeit gegeben werden, eine Familie zu gr\u00fcnden, dann will ich zumindest etwas daran setzen, dieses vergessene, untersch\u00e4tzte, wichtige Gl\u00fccksgef\u00fchl wieder anzukurbeln, von dem mir jetzt erst bewusst wird, dass es mir zuk\u00fcnftig sehr fehlen wird und der moderne Ersatz das leider nicht mal ansatzweise kompensieren kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\ufeff\ufeff\ufeffIch hatte immer ein recht nat\u00fcrliches Verh\u00e4ltnis zum Tod. 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